Gundel aber umschlang plötzlich die Mutter und flehte: »Gelt, Mutterle, unsere Bübles kommen net fort, die bleiben bei uns?«

»Die bleiben bei uns, ja,« sagte die Sternwirtin nachdenklich. »Meine Buben geb ich nicht her. Jetzt werd ich's schon fertig bringen, sie zu erziehen.«

»Ist recht so, ganz recht, und ich helfe Ihnen dabei, Frau Sternwirtin,« rief derselbe Herr Häferlein, der noch am Morgen gesagt hatte, es wäre ein wahres Glück für die Löwengasse, wenn die Sternbübles daraus fortkämen.

So wandeln sich Meinungen. Fräulein Laura hatte auch vor wenigen Stunden noch gedacht, Frau Tippelmann sei eine ungute, mürrische Frau; nun sagte sie: »Gott sei Dank, daß Frau Tippelmann da ist!« Alette Amhag sagte dies nicht, aber sie fühlte es, was manchmal besser ist. Als Frau Tippelmann zu ihr, die sich wie ein kleiner verflogener Vogel so angstvoll in dem weißen Spitalzimmer umsah, trat und fragte: »Willst du heimfahren in die Rose und dort gesund werden?« nickte sie stumm, aber heftig.

»Doch ich lasse dich nicht fort, kleine Alette, bis nicht dein Vater selbst dich holen kommt; ist das recht so?« fragte die alte Frau, die auf einmal verstand, was Alette fortgetrieben hatte. Da umschlang sie Alette jäh mit beiden Armen und ließ sie nicht mehr los, und Frau Tippelmann trug sie in den Wagen und trug sie daheim in das Bett und wachte an dem Bett die ganze lange Nacht hindurch. Die Sorge um das fremde, einsame Kind ließ sie nicht schlafen, und diese Sorge kam aus einem Herzen voller Liebe.


Elftes Kapitel.
Schwere Tage.

Die Löwengasse fängt an, die Sternbübles mit anderen Augen anzusehen, und die merken es. Brav werden ist schwer. Die Lindenkinder kehren zurück, und Herr Häferlein läuft in die Nacht und holt den Arzt herbei. Laura und Frau Tippelmann sitzen Hand in Hand, und am Morgen gibt es Streit auf der Löwengasse. Warum Trinle und Gundel so lange auf der Treppe sitzen und es sich dann vornehmen, Friedensengel zu sein.