»Hm, mir scheint, das Kind ist durch etwas sehr geängstigt worden,« sagte der Arzt streng. Er sah von Laura zu Frau Tippelmann, sah die fragend an, und Laura dachte, jetzt verklagt sie mich. Frau Tippelmann tat dies aber nicht. »Wir sind alle schuld, Herr Doktor,« sagte sie einfach, »wir verstanden das schüchterne Kind nicht, ich auch nicht. Doch wir werden alles tun, um unsere Schuld gutzumachen. An Pflege soll's nicht fehlen. Gelt, Fräulein Laura?«
Stumm legte Laura ihre Hand in die harte, feste Rechte der alten Frau, und zum ersten Mal dachte sie:
»Gott sei Dank, daß wir hier sind! Ich will alles tun, was Sie sagen, Frau Tippelmann,« murmelte sie bedrückt; »so wird's am besten sein. Wenn wir nur das Kind am Leben erhalten.«
»Das denke ich auch!« Der Arzt nickte. »Nun laufen Sie schnell einmal hinüber in die Lindenapotheke; die Medizin hier muß ich haben,« gebot er.
Da rannte Laura ohne Hut und Mantel über die Gasse. Herr Baldan bediente sie schnell und sprach ihr tröstlich Mut zu, ihm fielen gleich sechs Kinder ein, die auch auf irgendeine rätselhafte Weise ins Wasser geplumpst und wieder gesund geworden waren.
Wie er beim sechsten Kind angelangt war und die Medizin beinahe fertig hatte, trat Herr Häferlein ein. Der wollte wissen, wie es Alette ging. Er wußte noch von drei Wasserkindern zu erzählen, und er erbot sich auch zu allen nur erdenklichen Hilfeleistungen. »Fräulein Laura,« sagte er, »wenn es schlimmer werden sollte und Sie brauchen jemand, der Ihnen nachts den Doktor holt, dann bitte, werfen Sie mir dort an das dritte Fenster einen Stein. Es schadet nichts, wenn die Scheibe entzweigeht, ich höre es dann besser. Vielleicht fällt mir der Stein ins Bett, aber dies schadet auch nichts.«
»Und vielleicht schlägt Ihnen der Stein ein Loch in den Kopf, und das schadet dann wohl auch nichts?« fragte Laura, die trotz ihrer Sorge lächeln mußte.
»Nun, nun, so schlimm wird es nicht gleich werden,« rief der höfliche Kaufmann, »wir sind doch Nachbarn!«
»Ja,« murmelte Laura dankbar, »Frau Tippelmann sagt auch immer: Ein guter Nachbar in der Not ist besser als ein fremder Bruder.«