»Und Frau Tippelmann hat recht,« rief Herr Baldan.
»Freilich hat sie recht.« Laura nahm ihre Arznei und lief eilig wieder über die Straße. An der Haustüre traf sie Frau Hinz. Die Sternwirtin kam, auch ihre Hilfe anzubieten, wenn es not sei, und wie sie kam an diesem Tage noch manche andere. Nur die eine konnte nicht kommen, nach der Alette im Fieber sehnsüchtig verlangte, Frau Grill. Die Grills feierten Geburtstag und ahnten nichts, wie oft und bang Alette nach ihnen rief. Laura, die zuerst so froh über diese Reise gewesen war, seufzte jetzt darüber: »Warum sind sie gerade jetzt nicht da!«
Hierüber waren nun die Sternbübles anderer Meinung. Die fanden, die Reise der Lindenkinder sei zu rechter Zeit geschehen, denn da machte ihnen niemand den Platz vor der Rose streitig. Mit Gundel hockten sie auf den Bordsteinen der Rose gegenüber, trotzdem es noch gar kein rechtes Wetter zum lange Draußenbleiben war, und starrten zu den verhüllten Fenstern empor. Herr Häferlein sah es, wie er alles sah, was auf dem Löwengäßle geschah. Er rief die drei in seinen Laden und mahnte, sie würden sich erkälten. »Es hat ja keinen Zweck, daß ihr da sitzt und hinüberschaut, helfen könnt ihr doch nichts.«
Dies sagte Herr Häferlein, und ein Minütchen später wurde die Hilfe der Sternbübles doch gebraucht, und es ist nicht zu leugnen, Mathes und Peter dachten da triumphierend in ihren Herzen: Ätsch, Herr Häferlein!
Fräulein Laura fiel es ein, daß sie an Frau van Bachhoven drahten müßte, und sie lief einfach auf das Löwengäßle; vielleicht war da jemand, der für sie zur Post lief, und so fand sie die Sternbübles. Die rannten zur Post, setzten dazu sehr wichtige Mienen auf, denn sie waren ungeheuer stolz, daß man ihnen eine Drahtnachricht anvertraute. Und als sie zurückkamen, stand Fräulein Laura schon wieder vor der Türe und bat: »Nicht wahr, ihr holt mir einen Eimer Eis von eurer Mutter? Ihr seid ja so brav!«
Wenn nun zwei ausgemachte Schelme auf einmal brav werden wollen, ist das keine leichte Sache. Die Sternbübles begannen das bald zu spüren. Vielleicht, ja vielleicht hätten sie das kühne Unternehmen aufgegeben, wenn nicht das große Zutrauen der andern gewesen wäre. Nicht allein Fräulein Laura, sondern alle andern Leute in der Löwengasse schauten auf einmal die beiden immer sehr freundlich und zuversichtlich an. Und wenn nun jemand die eigene Bravheit immer wie ein schöner, duftender Blumenstrauß vor die Nase gehalten wird: »Seht einmal, wie nett, seht einmal, daran hat man doch seine Freude!« dann bleibt doch nichts anderes übrig, als selbst daran zu glauben. Wie daheim, wie in der Gasse, so ging es in der Schule. Auch die Lehrer sahen die Sternbübles mit andern Augen an. Zwei, die so hops und platsch ins Wasser springen, um ein fremdes Kind zu retten, ja, aus denen muß doch noch etwas werden. Und wieder fühlten die Bübles das Zutrauen, und wenn sie heimkamen, rannten sie zur Schwester und baten: »Gundele, hilf uns.« Da half ihnen Gundele eifrig und sacht bei den Schularbeiten, und sie sagte so lange: »Ihr seid gar net so dumm!« bis auch das die Bübles zu glauben begannen.
Doch alle Bravheit und Nettigkeit geriet in die größte Gefahr wieder wegzufliegen, als die Grills heimkamen. Purzelvergnügt kehrten die von ihrer Geburtstagsreise zurück; doch schon auf dem Bahnhof erfuhren sie von Alettes Unfall, ihrer Rettung und Krankheit. Es war an dem Tage, an dem der Arzt am Morgen sorgenvoller denn je dreingesehen hatte, und an dem es einer dem andern in der Löwengasse zuraunte: »Die kleine Alette Amhag ist sehr, sehr krank – vielleicht wird sie sterben.«
Frau Grill ging gleich in das Nachbarhaus hinüber, und ihre vier Kinder blieben vor der Linde sitzen, um die Mutter zu erwarten. Da sahen sie die Sternkinder drüben auf Herrn Häferleins Schwelle hocken, und der Kaufmann redete freundlich mit ihnen. Auf einmal tat sich die Türe in der Rose auf. Laura trat heraus und winkte. Mathes und Peter kamen angerannt, die Grills hörten, wie Laura sie bat, Eis zu holen, und dann rasten die Bübles in Windeseile die Gasse hinab, und Laura schloß wieder die Haustüre. Herr Häferlein aber rief den Nachbarskindern über die Gasse zu: »Ist gut, daß wir die Sternbübles haben, die sind jetzt erstaunlich brav.«
Die und brav! Veit und Steffen machten lange Gesichter. Über die schlimmen Sternbübles hatten sie sich geärgert, auf die braven Sternbübles wurden sie eifersüchtig. Sie sahen ihnen entrüstet nach, und Veit sagte: »Die drängen sich auf, hier haben sie nichts zu suchen; das sagen wir ihnen noch.«