Doch ehe Mathes und Peter wiederkehrten, kam Frau Grill aus der Rose zurück. Sie sah recht ernst und traurig drein, und als ihre Kinder sie mit Fragen bestürmten, sagte sie: »Kommt mit ins Haus. Lärmt nicht so viel auf der Gasse, denkt immer daran, dort oben liegt Alette, und sie ist recht, recht krank.«

Für Frau Tippelmann und Laura kam wieder eine lange bange Nacht. In dieser Nacht lief Laura wirklich auf die Löwengasse und warf einen Stein an Herrn Häferleins Fenster. Davon sprang die Scheibe, und Herr Häferlein wachte auf. Er lief dann wirklich schneller als schnell und holte den Arzt herbei. Aber bis er mit ihm zurückkam, das dauerte für jemand, der in Sorge wartet, schon immer eine Zeit. Laura kauerte an Alettes Bett, sie konnte nichts mehr tun als weinen, immerzu weinen. Einmal sagte sie: »Frau Tippelmann, ach, Sie sind so ruhig; wenn nun Alette stirbt, was tun wir dann?«

Die alte Frau, die aufrecht an dem Krankenbett saß und jeden Atemzug Alettes belauschte, antwortete einfach: »Ich halt's mit dem Wort: Vertrau auf Gott und laß ihn walten, er wird dich wunderbar erhalten.«

Lauras Weisen verstummte. Das schlichte Wort tat ihr unendlich gut. Sie kauerte neben Frau Tippelmann nieder und legte den Kopf an ihren Schoß. So saßen die beiden Frauen still zusammen, zählten die Minuten, die verrannen, und lauschten, ob auf der Gasse nicht Schritte hörbar wurden. Dabei fiel es Laura ein, wie sie als Kind einmal krank gewesen war, da hatte ihre Großmutter viel an ihrem Bett gesessen, und sie mußte denken, die sah aus wie Frau Tippelmann. Und wie die war sie auch gewesen, so schlicht, etwas wortkarg, so scheinbar rauh und doch so gut. Das war nun freilich lange her. Die Großmutter war tot, die Eltern auch. Und die Geschwister!

Laura seufzte. Um die hatte sie sich gar nicht mehr gekümmert. Sie war zu vornehm geworden und hatte sich zu viel eingebildet auf ihre schönen Kleider, auf ihre Stellung im reichen Hause. Laura seufzte wieder und flüsterte: »Ach, Frau Tippelmann, ich bin recht schlecht, und daß Alette so krank ist, ist auch meine Schuld.«

Frau Tippelmann strich mit ihrer harten Arbeitshand, die doch so linde zufassen konnte, über Lauras Stirn. »Schuld haben wir beide,« murmelte sie, »aber Reu ist des Herzens Arznei.«

Da klappten unten auf der Straße Schritte, sie kamen näher und hielten vor dem Hause an – der Arzt. Die beiden Frauen atmeten auf. Endlich kam er, endlich! Es schien ihnen, als wäre eine furchtbar lange Zeit verflossen, seit sie nach ihm ausgeschickt hatten, und doch war der gute Herr Häferlein völlig atemlos, so sehr war er gerannt. Nachdem er den Arzt herbeigeholt, hätte Herr Häferlein ja nun in sein Bett zurückgehen können, denn gerade sehr gemütlich war es nicht auf der Löwengasse. Der Wind blies kalt von Osten her, aber der Kaufmann kümmerte sich nicht darum; der dachte, ich muß erst wissen, ob es dem Kind da drinnen besser geht. Er mußte lange warten, doch dann wurde seine Ausdauer belohnt. Der Arzt kam wieder und sagte: »Es geht besser, nun können wir wieder hoffen.«

»Wieder hoffen, Gott sei Dank!« rief der treue Nachbar froh.

Der Arzt ging heim, Herr Häferlein legte sich wieder in sein Bett, und im Haus zur Rose saßen Frau Tippelmann und Laura Hand in Hand. Sie sprachen nicht zusammen, aber in ihren Herzen tönten unablässig die Freudenglocken: »Es geht besser, besser, Alette wird gesund.«

Am nächsten Morgen trabten die Sternkinder am Haus zur Rose vorbei und nickten zu den verhüllten Fenstern empor. Das sahen die Lindenkinder, die eben aus ihrem Hause kamen. Die ärgerten sich. Sie fanden die Sternkinder wieder aufdringlich, und als die auf dem Heimweg gar vor der Rose stehenblieben, begannen Steffen und Veit darüber zu schelten. »Hier oben im Gäßle habt ihr nichts zu suchen, marsch fort!« schrieen sie.