Frau Tippelmann kam wirklich aus dem Haus. Sie sah gerade noch fünf Paar Bubenbeine eiligst entfliehen; die drei Grills verschwanden in der Linde, die Sternbuben rasten die Gasse hinab, nur Gundel und Trinle blieben auf dem Kampfplatz. Frau Tippelmann ging schnell an beiden vorüber, sie wollte etwas besorgen. Auf die beiden Kinder achtete sie gar nicht, denn sie hatte den Streit nur halb gehört. Erst als Trinle eine ängstliche Frage nach Alette tat, blieb sie einen Augenblick stehen und erzählte rasch, wie schlimm die Nacht gewesen war. Dann mahnte sie noch: »Seid ja recht still auf dem Gäßle!« und schritt eilig zum Obermarkt hinauf.
Die beiden Mädels standen wie erstarrt. Beinahe gestorben war Alette! Sie vergaßen vor Schreck und Schmerz, daß sie eigentlich in Feindschaft miteinander lebten; weinend, klagend sanken sie sich plötzlich in die Arme und hielten sich fest, fest umschlungen.
Tripp, tripp, rannen Gundeles Tränen auf Trinles Schulter, und Trinle heulte gleich so arg, daß Gundels Bluse ganz naß wurde. Beinahe gestorben, beinahe gestorben! Sie konnten ein Weilchen gar nichts anderes denken, erst nahende Schritte rissen sie aus ihrer Versunkenheit. Gundel löste erschrocken ihre Arme von Trinles Hals und flüsterte scheu: »Es kommt jemand.«
»Es kommt jemand,« wiederholte Trinle verlegen. Was sollte der Jemand von ihrem Geheule denken! Aber sie ließ Gundel nicht los. »Komm mit in unser Haus,« tuschelte sie und zog die andere so geheimnisvoll in den Hausflur der Linde hinein, als hätten sie mitsammen ein Streichle ausgeführt nach dem Muster der Sternbübles.
Im dämmerstillen Flur der Linde, in dem es mehr denn je nach Bauchwehtröpfles roch, standen sie erst ein paar Herzschläge lang stumm nebeneinander. Ihre Tränen versiegten langsam, ein paarmal schluchzten sie noch auf, aber dann überkam Trinle auf einmal eine herzhafte Lachlust. Sie kicherte und kicherte; das steckte an wie vorher die Tränen, Gundel lachte auch. Dann sanken sie sich lachend in die Arme, und ein Weilchen prusteten, kicherten und quiekten sie vor Vergnügen, und darüber schwand ihnen die letzte Scheu vor einander.
»Wer schwätzt hier nur so sehr?« sagte ein paar Minuten später Herr Baldan. Er öffnete die Türe seines Arbeitszimmers, steckte den Kopf heraus und sah Trinle und Gundel auf der untersten Treppenstufe sitzen. »Na ja, unser Trinle hat seine Freundin mitgebracht, konnt' mir's denken,« brummte er und klappte die Türe wieder zu.
Die beiden Mädel ließen sich nicht stören, mochte Herr Baldan denken, was er wollte, es kümmerte sie nicht. Sie schwatzten und schwatzten, sie hatten sich ganze Bände voll zu erzählen, von Trinles Reise und Alettes Unfall. Den mußte Gundel genau beschreiben, und dabei sagte sie wieder und wieder: »Unsere Bübles sind jetzt so brav.«
Trinle hegte keinen Zweifel mehr, und gutherzig gelobte sie, ihren Brüdern von der Bravheit der Sternbübles zu erzählen. »Eigentlich ist's dumm,« rief sie, »wir könnten alle so gut auf dem Gäßle spielen und dann bei uns.«
»Und bei uns,« flüsterte Gundel, »da gibt's so arg viel Platz.«
»Ha, fein! Erzähl mal, wie ist's bei euch?«