»So, wo steht das?« Frau Grill legte ihre Hand auf Trinles Mund, die glühend rot vor Zorn, hitzig auffahren wollte. »Streit bei Tisch gibt es nicht. Frau Tippelmann würde sagen: Wem das Essen soll gedeihn, der muß guter Dinge sein. Und auf die Sternbübles sollt ihr nicht schelten. Die haben sich brav benommen, haben Alette Amhag gerettet, und jeder sagt es, seitdem wären sie sehr nett.« »So ist's,« rief Herr Baldan, »ich glaub's jetzt auch, aus den Sternbübles wird noch etwas.«

Den Sternbübles hätten eigentlich die Ohren klingen müssen, so laut ertönte ihr Lob in der Linde. Nicht allein Herr Baldan, auch der andere Gehilfe wußte allerlei Gutes von ihnen zu sagen, sehr zum Ärger von Veit und Steffen. Die grollten und schmollten, und nach Tisch gab es am Räuberschlößle zwischen den Geschwistern einen bitterbösen Streit. Es kam, was selten genug geschah bei den Grills, Trinle trennte sich im Zorn von den Brüdern; sie lief weinend auf die Löwengasse, statt wie sonst mit den Brüdern zu spielen. Auf der Gasse fand sie Gundel, und da wurde gleich die neue Freundschaft erprobt, denn Gundel mußte trösten und beruhigen, und sie tat das sehr linde und sacht, und Trinles Zorn legte sich auch bald. Bei ihr ging es geschwinde obenhinaus, aber sie war dann auch wieder schnell zum Frieden bereit. Gundel nun war immer friedlich gesinnt, und so redeten sie beide bald davon, daß sie ihre Brüder miteinander versöhnen und Frieden auf der Gasse stiften wollten. Es sollte nicht mehr Feindschaft sein zwischen der Linde und dem Silbernen Stern, sie, Trinle und Gundel, wollten als ein paar rechte Friedensengel die Versöhnung zustande bringen.


Zwölftes Kapitel.
Eine schwierige Versöhnung.

Trinle und Gundel denken sich wundersame Erlebnisse aus und müssen schließlich Hösles flicken. Trine läuft auf die Löwengasse, und die Sternbuben finden das Räuberschlößle fein und reden von den römischen Kaisern. Frau Tippelmann erzählt Alette, was geschehen ist. Laura rennt zu Herrn Häferlein, Herr Häferlein holt den Arzt, aber Alette Amhag lacht und will in die Schule gehen.

Lieber Himmel ja, ist das eine schwere Sache, Friedensengel zu sein! Gundel und Trinle merkten das bald. Vier widerborstige Buben zu versöhnen, ist nicht leicht, zumal wenn die Buben, wie Veit und Steffen, nicht einmal anhören, was die Schwester zu sagen hat. »Entweder du läßt von Hinkegundele, oder mit uns ist's aus!« erklärten sie, als Trinle ganz gespickt mit guten Versöhnungsgedanken heimkam.

Kasperle nahm der Schwester Partei, denn Trinles Tränen rührten sein weiches kleines Herz. Und Trinle weinte und weinte, als müsse sie der Frühjahrsüberschwemmung neues Wasser zuführen. Zum Abendessen erschien sie mit so dick verweinten Augen, daß die Mutter erschrak. »Ja, Trinle, was fehlt dir denn, was hat's denn gegeben?«

Nun verpetzt sie uns, dachten die Buben, aber Trinle tat das nicht. Nur ihre kaum versiegten Tränen flossen aufs neue, und Frau Grill, die merkte, hier stimmt etwas nicht, fragte nicht weiter. Sie sah nur Veit und Steffen forschend an, und die senkten verlegen die Köpfe. Trinle tat ihnen ja selbst leid, aber warum schloß sie auch mit Hinkegundele Freundschaft, das mußte bestraft werden! Sie verschliefen auch über Nacht ihren Groll nicht und rannten am nächsten Morgen der Schwester davon. Zum ersten Male mußte Trinle allein den Schulweg machen, ohne die Brüder. Kummerschwer trat sie den Weg an, und auf der Löwengasse traf sie Gundele, die auch allein ging. Die Sternbübles hatten wieder einmal vergessen, daß sie mit der Schwester gehen wollten. Gundel war zu sehr daran gewöhnt, um sich besonders zu grämen, und sie tröstete auch Trinle in ihrem Leid. Trinle Grill trug ihr Herz auf der Zunge; sie verriet, warum Veit und Steffen ihr davongelaufen waren, aber gleich darauf tat ihr ihr vorschnelles Wort leid, denn Gundel seufzte schwer. Leise, traurig bat sie: »Laß mich lieber allein; um meinetwillen sollst du net mit den Buben in Unfrieden sein.«

»Nein, ich laß dich net,« rief Trinle rasch, »das wäre feige.« Sie nahm Gundels Arm, und alle zwei gingen sie einträchtig zur Schule. Unterwegs berieten sie, wie sie die Buben versöhnen sollten. Sie schmiedeten allerlei wundersame Pläne und dachten sich schöne Reden aus, die sie halten wollten, und so langten sie sehr lieb und versöhnlich gestimmt in der Schule an.