Aber Friedensengel sein ist nicht leicht. Die Bübles setzten alle miteinander ihre dicksten Köpfe auf, sie wollten nicht. Die Grillschen sagten, die Sternbübles taugen doch nichts, und die wieder redeten denen aus der Linde nach: »Sie sind eingebildet und hochmütig.« Die beiden Schwestern hatten ihre liebe Not, aber wie es manchmal so geht, der gemeinsame Kummer brachte sie noch näher zusammen, und je trotziger die Buben wurden, je fester schlossen sie Freundschaft miteinander.
Zwei Tage in Unfrieden und Hader waren vergangen, und wo auch immer sich die Lindenbuben und die Sternbübles trafen, fuhren sie aufeinander los wie zornige kleine Hähne. Nur vor der Rose nahmen sie sich in acht, denn Alette Amhag lag noch immer sehr krank, und noch immer sahen die Kinder scheu zu den verhüllten Fenstern hinauf: Würde Alette nicht bald gesund sein?
Trinle und Gundel hatten sich immer neue seltsame, wunderbare Ereignisse ausgesonnen, die zur Versöhnung führen könnten; an zerrissene Bubenhosen hatten sie nicht gedacht. Aber wie es so kommt! »Kleine Ursachen – große Wirkungen,« pflegte Frau Tippelmann in solchen Fällen zu sagen. Gundel war bei Trinle, das erste Mal in Trinles Stübchen, um der Freundin Besitztümer zu bewundern, da tat sich die Türe auf, und Kasperle erschien. Er setzte eine geheimnisvolle Miene auf und sagte: »Trinle, sollst mal geschwind zum Räuberschlößle kommen.«
»Was soll ich da?«
»Sollst kommen – und dein Nähtäschele mitbringen.«
»Mein Nähtäschele? Die Buben haben sich wohl was zerrissen?« rief Trinle ahnungsvoll.
Kasperle nickte betrübt, und er antwortete so geheimnisvoll, als handle es sich um eine Staatsangelegenheit: »Die Hösles haben sie zerrissen!«
»Beide,« schrie Trinle, »und die guten?«
»Beide!« Kasperle seufzte schwer. »Sie sind im Räuberschlößle vom Turm gefallen.«