Bei dem Scheine einer kleinen, trüb brennenden Öllampe sitzt Michael und hat einen alten, vergilbten Pappkasten vor sich. Er will die Papiere seines Vaters suchen, mechanisch löst er den Knoten, mit dem sie zusammengeknüpft, und durchblättert die wenigen Schriftstücke; die Geburtsscheine, der Trauschein der Eltern, einige verblaßte Heiligenbilder, in einer kleinen Schachtel ein silbernes Kreuz an einem schmalen Kettchen, das ist alles, aber da fällt dem Suchenden noch etwas in die Hände. Ein verschlossener Brief, darauf in verblaßter Schrift: »An meinen Sohn, wenn er groß ist.«
Ein wehmütiges Lächeln gleitet über Michaels Gesicht, von seiner Mutter! Er sieht auf die ungelenken Schriftzüge und denkt an die, die sie schrieb, die in seiner Erinnerung wie eine Heilige vor ihm steht, und mit stiller Andacht öffnet er diesen letzten Gruß seiner Mutter.
Er liest, liest erst mit inniger Wehmut die Unterschrift, liest dann mit wachsendem Staunen, mit herzbeklemmendem Entsetzen. Ein Schrei entringt sich seinen Lippen, die Hand ballt den Brief zusammen und schleudert ihn weit von sich, dann lacht er, ein heiseres, wahnsinniges Lachen.
»Lüge, Lüge,« alles um ihn her und der Tote da drüben war sein Vater nicht, sondern der Mann, den er verehrt wie einen Heiligen, in dem er das Ideal seiner Knabenträume gesehen und seine Mutter? Da stand es in dem Briefe, das Bekenntnis ihrer Sünde, darum das schweigende Dulden, ach mein Gott! Lüge sein Leben, Lüge alles, was er geglaubt, wofür er gestrebt, was er gehaßt, was er geliebt! —
Der Jüngling barg seinen Kopf in den Händen und ein wildes, verzweifeltes Schluchzen erschütterte seinen Körper. —
Drei Tage später wanderte Michael Wisniewski aus der Heimat fort wie einer, dem noch der Schlaf die Sinne umfängt, dem noch der bange, schwere Traum einer unruhvollen Nacht auf der Seele liegt, so wanderte er dahin durch die sonnengleißenden Fluren.
Tot alles, was seinem Leben Inhalt gab, herunter gerissen in den Staub, beschmutzt und zertrümmert jene stolzen Bilder, die er in seinem Herzen aufgerichtet hatte.
Ein Verkünder des Friedens wollte er werden, ein demütiger Priester des Herrn, Trost den Armen wollte er bringen; so stolz hatte er sich gefühlt in seiner Kraft, in der Reinheit seiner jungen Seele.
Vorbei, verloren, unwiederbringlich verloren der glückliche Kinderglaube! Ach, hätte er noch Thränen gehabt, hätte er den schweren, dumpfen Schmerz noch lösen können durch heiße, heiße Thränen.