Vor einem Jahre ungefähr war er dann zurückgekehrt, und mit tiefem Schmerz hatte der Großvater erkannt, wie verschieden ihre Anschauungen geworden sind.
Beherrscht von fanatischem Glaubenseifer, getrieben von dem brennenden Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, wollte der Enkel ein Prophet werden. Er fand die Lehren des Großvaters viel zu kindlich, zu sanft. Mit Feuer und Schwert wollte er die Welt erobern, seine Lehre sollte herrschen, vor ihr sollte die Menschheit sich beugen. —
Anfangs stieß Michael diese wilde Art ab, aber hatte er nicht auch einst davon geträumt, ein Lehrer, ein Prophet zu werden? Wohl stritt er sich mit Benjamin, aber doch suchte er ihn wieder auf, und nach und nach gewann dieser Einfluß auf Michael. Niemand gewahrte es, wie er diesen im Grunde etwas schwankenden Charakter beherrschte, stärker war noch Vater Abrahams und Tabeas milder Einfluß; aber Benjamin war klug und sagte sich, daß, sobald dieser nicht unmittelbar sei, er der stärkere werde, und Michaels glänzende Rednergabe und seine stattliche, sympathische Erscheinung brauchte er zu seinen Plänen, das waren Vorzüge, die ihm fehlten, wie er mit Bitterkeit längst erkannt hatte.
Er wagte aber auch nicht, dem Großvater gegenüberzutreten, denn so sehr er sich innerlich dagegen sträubte, die milde Ruhe, die klare, freundliche Weltanschauung und der echte, tiefe Glaube des Alten zwangen ihm unendliche Hochachtung ab.
Er hoffte auf die Zeit, einmal mußte sie kommen, da er mit Michael das große Werk der Bekehrung begann. —
So flossen die Monde dahin, der Fremdling, der einst krank und weltmüde im Dorfe auf dem Sande eingekehrt, war nun ein lieber Hausgenosse geworden; er trieb im Sommer das Gewerbe der Männer, die Fischerei, erweiterte im Winter seine Kenntnisse durch eifriges Studium. Die kleinen Ersparnisse aus seiner Wanderzeit benützte er teilweise dazu, sich eine Bibliothek anzuschaffen.
Wohl kam ihm manchmal die Sehnsucht nach der verlassenen Welt, der Ehrgeiz regte sich in ihm, sich eine Stellung, die seinen Kenntnissen entsprach, zu erringen, statt hier thatenlos in dem weltfremden Dörfchen zu leben. In solchen Stunden gewannen Benjamins Pläne Macht über ihn; kam dann aber Tabea mit ihrer weichen, süßen Stimme und rief ihn, mit ihr zu kommen, und saß er dann bei den Frauen und dem Großvater im traulichen Zimmer oder vor dem Hause auf der Bank, mit dem Blick nach dem weiten Meere, im ernsten Gespräch, dann kam der Friede wieder über ihn und die unruhigen Gedanken wurden stille. —
Da fand er einmal, daß in einer Zeitung ein Aufruf stand, der ihn selbst betraf. Sein Name stand darin, er wurde gesucht; ein Verwandter seiner Mutter war gestorben und er der Erbe des kleinen Vermögens.
Von jener Stunde an wich die Ruhe von ihm, machtvoll überkam ihn die Sehnsucht nach der alten Heimat. Nur einmal wollte er dahin zurückkehren, noch einmal das kleine Haus betreten, darinnen er seine Kindheit verlebt, noch einmal an das Grab der Mutter treten, an die er jetzt mit immer verzeihenderer Liebe dachte.
Noch einmal wollte er dem gegenübertreten, um dessentwillen er einst die Heimat verlassen hatte. Nicht mehr im Zorn, in alter Liebe wollte er ihm die Hand reichen, wollte am Vaterherzen ruhen und dann mit versöhntem Gefühl die Heimat für immer verlassen.