»Schweig, Du verdirbst mir all meine Freude!« Sie stürmte zum Zimmer hinaus und krachend flog die Thür hinter ihr ins Schloß.
Die zierliche, von Maria mühsam gekittete Vase auf dem kleinen Rokokotisch fiel klirrend zur Erde und während das junge Mädchen die Stücke sammelte, rannen die heißen Thränen über ihre Wangen:
»Stückwerk alles, alles, der Jude giebt Geld, bis der Jude das Gut nimmt und dann. — Oh heilige Mutter Gottes, hilf!«
»Oh chère tante! Da sitze ich nun seit drei Tagen in dieser polnisch-deutschen Einsamkeit, mit dem brennenden Wunsch, diesen ländlichen Aufenthalt erst mit einem Badeort des high life vertauschen zu können. Diese guten Leninskis sind unglaublich naiv, sie denken wirklich, mich habe einzig und allein die Sehnsucht zu ihnen getrieben. Wenn sie ahnten, wie sehr ich vis-à-vis de rien stehe, wie froh ich war, daß mir die Einladung dieser thörichten, kleinen Kasia einfiel. Lächerlich, immer soll ich von meinem glänzenden Leben erzählen, wenn sie wüßten, wie die Kehrseite aussieht, wie hungrig wir oft auf den Boulevards promeniert sind! — Ein Glück, daß die alte Fürstin sich Deiner erinnerte, jeden Abend ist mein Gebet, es möge ihr einfallen, mich auch zu sich zu laden, in Rußland würde ich vielleicht bessere Chancen haben, eine Partie zu machen, den glänzenden Rahmen, den ich brauche, zu finden. — Was soll ich Dir von den Leninski berichten? Madame ist etwas einfältig, von der einstigen Schönheit sieht man nichts mehr. (Wer weiß, wie viel sie überhaupt davon besessen hat.)
Monsieur ist etwas verbauert, er macht manchmal einen recht mißglückten Versuch, galant zu sein. Kasia ist ohne Frage reizend, ich glaube, sie könnte, mit dem nötigen Geld versehen, Furore machen. Maria ist hübsch, nicht mein Geschmack, sie sieht aus, als könnte sie einen Mann in kleinen Verhältnissen aus Liebe heiraten, oder — in ein Kloster gehen. Eines so unpraktisch wie das andere.
Adio, teure Tante, ich werde jetzt mit Kasia spazieren gehen, Gänseblümchen pflücken, Gedichte machen und von diesen einfältigen Dorfjungen meine Schönheit, dieses mein Kapital, meine Hoffnung, bewundern lassen.
Ich küsse Deine Hand, schreibe bald und bringe Erlösung
Deiner trostlosen Jusia.«
Die Schreiberin schließt hastig den Brief und adressiert ihn. Von unten herauf tönt schon Kasias helle Stimme, die ihren Namen ruft. — Rasch setzt sie einen großen, weißen Hut auf ihr krauses rotblondes Gelock, ein wohlgefälliger Blick in den schmalen Empirespiegel, eine Kußhand ihrem eigenen Bild und leichtfüßig eilt sie die Treppe hinab. »Kasia, mein Seelchen, verzeih, daß ich Dich warten ließ, aber sieh! ich hatte so viel an Tante Amélie zu schreiben, wie reizend es hier bei Euch ist, wie lieb Ihr seid und daß ich keinen größeren Wunsch hege, recht, recht lange bei Euch zu bleiben, komm, ich will blos Deiner Mama, von der ich ganz enthusiasmiert bin, die Hand küssen.« Wenige Minuten später wandeln die jungen Damen durch das Dorf, mit offenem Munde stehen die Kinder und schauen ihnen nach. Paninka Kasia, die kennen sie, aber das fremde Fräulein mit dem weißen Kleid, die so leicht über den Schmutz der Straße schwebt, schüchtert sie ein und in stummer Bewunderung blicken sie ihr nach.
»Mein Gott, Kasia, wie geistreich diese Kinder aussehen,« sie lacht, »nein, sieh diesen Fratz dort, gerade so starrte mich der holde Prinz Sergei an vergangenen Winter in Nizza. Aber sieh, wie idyllisch das Häuschen hier liegt, sag, wem gehört es?« Sie bleibt vor dem kleinen Haus am Ende des Dorfes stehen, das von bunten Blumen umblüht, seltsam absticht gegen die anderen im Schmutz stehenden Nachbarhäuser. Da knarrt die Thüre und Michaels hohe Gestalt wird im Rahmen sichtbar, seine ernsten Augen haften voll Erstaunen auf den beiden lichten Mädchengestalten, die da am Gitter seines Gartens stehen. Er tritt einige Schritte näher, verneigt sich und sagt mit seiner ruhigen, klangvollen Stimme:
»Gott zum Gruß und Gottes Frieden!« Dabei ruhen seine Blicke unverwandt auf Gräfin Jusias reizvoller Erscheinung. Mit beiden Händen greift diese in die blühenden Clematisranken am Gitter und sieht mit seltsamem Lächeln zu dem schlanken Mann hin. Sekundenlang ruhen beider Blicke ineinander, dann wendet sich Michael heftig um und schreitet mit stummem Gruß in sein Haus zurück.
»Kasia, sag doch, wer war dieser seltsame Mensch, ein Apollo an Schönheit in Eurem Dorf?« Jusia reißt einige von den Blüten am Gitter ab und befestigt sie in ihrem Gürtel, »schnell erzähle, ma petite, ich wittere eine romantische Geschichte, der blonde Apollo mit seinem frommen Gruß und seinem geistlichen Rock interessiert mich?«
»Romantisch ist die Sache nicht gerade,« erwiderte Kasia, hochmütig das feine Näschen rümpfend, »Dein Apollo, wie Du ihn nennst, obgleich ich noch keinen Apollo mit einem Rock gesehen habe, ist einfach ein Dorfjunge, der eine etwas bessere Erziehung genossen hat, Propst Ryback hat ihn unterrichtet, er sollte sich dem geistlichen Stande widmen. Eines schönen Tages verschwand er aber plötzlich und tauchte erst ungefähr im Februar dieses Jahres wieder auf. Er bezog sein Haus, das der Propst bis dahin für ihn verwaltet hatte, und soll sich gleich in den ersten Tagen wieder vollständig mit diesem überworfen haben. Dann fing er hier in der Gegend an zu predigen, eine neue Lehre. Mit ihm ist ein kleiner verwachsener Mensch. Papa sagt, es wären Mennoniten, aber Propst Dzimbowski aus Skiernewice meinte neulich, es seien keine echten Mennoniten, die wären stiller und machten keine Propaganda für ihren Glauben; diese gehörten vielmehr einer neuen, amerikanischen Sekte an. Die haben schon viele Anhänger, hier in Lochowo nicht, aber in Birkenhof und Skiernewice laufen die Leute ihnen zu, die hiesigen stehen zu sehr unter dem Einfluß von unserem Propst, der sehr fanatisch ist und die Leute gegen den Ketzer einzunehmen weiß. Es ist ja Unsinn, was sie predigen, der Blonde soll übrigens wunderbar reden können, sie wollen eine große Gemeinde gründen mit völliger Gleichheit aller, verdammen den Krieg und Alkoholismus und reden schrecklich viel von innerer Glückseligkeit. Papa sagte schon, er wundert sich, daß sie bis jetzt mit heiler Haut davon gekommen sind und prophezeit ihnen ein gewaltsames Ende.