So nun aber genug von diesen langweiligen Dingen, erzähle mir lieber mehr von Deinem Leben!« Jusia Potocka wendet noch einmal den Kopf nach dem kleinen Hause und beginnt dann zu erzählen; sie rollt Bilder voll Glanz und Licht vor Kasias Augen auf, und diese lauscht mit klopfendem Herzen, immer brennender wird der Wunsch in ihr, auch mit in diesem glänzenden Strom des Lebens schwimmen zu können.
Tiefe, feierliche Sabbathstille herrscht im Walde. Gestern floß der Regen in Strömen auf die schier verschmachtete Erde nieder, heute stehen die Bäume und Pflanzen in neuer Kraft da, sie recken und dehnen sich, sie fühlen sich noch frisch und jung, und ferne liegt ihnen der Gedanke an die Stürme des Herbstes, des Winters Kälte. —
Maria schreitet auf dem weichen Moosboden dahin, so feierlich still ist es ringsum, die Birkenstämme leuchten hell und zitternd schwanken die Zweige, vom sanften Wind bewegt, hin und her. Es ist ein seltsames Wohlgefühl, das Maria in diesem Stück heimischen Waldes überkommt. Sie weiß wohl, daß man über die Eintönigkeit dieses Landes spottet, über die kargen Wälder, in die der blaue Himmel durch große Lücken hineinscheint. Kein kühles, geheimnisvolles Walddunkel, nicht jene zum Himmel ragenden Bäume, jene murmelnden, wild über Felsen und Baumwurzeln stürzende Bäche des Hochgebirges, und dennoch, sie liebt diesen ärmlichen Wald. Hier ist es, wo Ruhe und Frieden über sie kommt, wo die nagenden Sorgen, die düsteren Gedanken sie verlassen, oh Du lieber, barmherziger Wald! Während sie so dahinschreitet, schweifen ihre Gedanken in die Vergangenheit, in die kurze, glückliche Zeit ihres Lebens. Wie fern sie ihr liegt, manchmal will ihr dünken, als verblasse die Erinnerung in dem täglichen Kampf, aber dann, wenn sie allein ist, wie hier in dem Frieden des Waldes, dann überkommt sie mit aller Gewalt das alte Glück, das alte Leid, ihr Herz jubelt und weint, und licht stehen ihr die sonnigen Tage von einst vor der Seele.
Eine entfernte Verwandte ihrer Mutter, ein altes Fräulein, hatte sich plötzlich erinnert, daß ihre Cousine Halinka zwei Töchter besaß und geschrieben, daß sie gern einmal eine ihrer Nichten sehen möchte, ihr sei die Reise zu weit, sie würde sich aber über einen Besuch freuen und bäte hiermit ihre Cousine, ihr doch eine ihrer Töchter einige Wochen nach Dresden zu schicken. Maria war gerade aus dem Kloster gekommen, wo die Leninskis eine Freistelle besaßen, da kam der Brief der Tante und da dieselbe als reich galt, stimmte auch Papa Leninski für die Reise. An einem weichen, milden Frühlingsabend kam Maria in Dresden an, wie klar stand ihr doch alles vor der Seele. Die alte Tante, die ihr wie ein Wesen aus einer fremden Welt erschien. Frisch, trotz ihrer sechzig Jahre, wie eine Junge, so lebensfroh, so teilnehmend, so verständnisvoll für die Jugend und dabei so abgeklärt in ihrem Urteil, über den Kleinkram der Welt stehend, mit einem Herzen, das warm für alles Schöne und Edle schlug. Unwiderstehlich fühlte Maria sich zu ihr hingezogen, in wenig Tagen hing sie mit inniger, verehrender Liebe an der alten Dame.
Jener erste Abend in Dresden, wie ein leuchtendes Bild stand er in ihrer Erinnerung, über die breite Brücke, die die Neustadt mit der Altstadt verbindet, fuhren sie in einem offenen Wagen; wie ein breiter Streifen flüssigen Goldes lag die Elbe im Glanz der untergehenden Sonne unter ihnen. Große Dampfer, kleine buntbewimpelte Kähne glitten über sie hin. Am jenseitigen Ufer ragten die stolzen Bauten einer glänzenden Vergangenheit empor, die scheidende Sonne umglühte sie noch einmal, daß es aussah, als ob all die Ecken und Spitzen im Feuer ständen. Von einem der Dampfer kam eine weiche, träumerische Musik und vermischte sich mit dem Lärm der großen Stadt. So traumhaft schön wie dieser erste Abend waren die Wochen, die ihm folgten.
Leise seufzte Maria auf, vergangen die Jugend, das Glück. Im Garten der Tante war es, da trat er ihr das erste Mal entgegen, strahlend vor Stolz über den glänzend errungenen Doktortitel. Seine Eltern waren langjährige Freunde von Marias Tante und der Verkehr zwischen beiden Häusern ein sehr reger. Der junge Doktor sollte einige Wochen im Elternhaus verleben, einige Wochen der Freiheit, und es war eigentlich natürlich, daß bei den Ausflügen, die er mit seinen jungen Schwestern unternahm, Maria mit dabei war.
Im Scherz und Spiel, im ernsten Gespräch, immer fand sich der junge Arzt mit Maria zusammen, es war dem Mädchen, als sei alles von ihr genommen, was düster und schwer ihr junges Leben bedrückt hatte, in vollen Zügen genoß sie jetzt ihre Jugend und in ihrem Herzen erblühte ein stilles, heimliches Glück. Sie wußten es bald, Heinz Werner und Maria, daß sie einander liebten, nicht mit jener Leidenschaft, die wie im Sturm über alles hinweg rast und, wenn verflogen, bittere Ernüchterung zurückläßt, eine stille, heilige, treue Liebe war es, die die Beiden erfüllte. Wie ein Schatten stieg manchmal der Gedanke an die Eltern in Maria auf, sie kannte nur zu gut den Hochmut Frau Halinkas und wußte, daß diese nicht so leicht ihre Einwilligung zu einer Heirat mit einem Bürgerlichen und noch dazu einem Protestanten geben würde. Aber mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend verscheuchte sie solche Gedanken, vorläufig sollte es selbst den Eltern ein Geheimnis bleiben, denn noch war Dr. Heinz nicht in der Lage, eine Frau heimzuführen, und so beschlossen beide, ihr stilles Bündnis an niemand zu verraten.
Ob es wohl die Tante ahnte, sie lud Maria beim Abschied herzlich ein, bald wieder zu kommen, ja, sie sprach die Absicht aus, die Eltern zu bitten, ihr Maria für lange Zeit zu überlassen. »Behüt' Dich Gott, mein Kind, sei tapfer und bleibe Dir selbst getreu,« sagte sie, die weinende Maria in ihre Arme schließend. Noch ein letzter Händedruck dem Geliebten und langsam fuhr der Zug von dannen.
Vier Wochen später reiste Herr von Leninski zum Begräbnis der Tante, um bitter enttäuscht heimzukehren; der Tod hatte die rüstige Frau überrascht, noch ehe sie ihren Willen ausführen und Maria zur Erbin einsetzen konnte. Die Söhne ihres Bruders, zwei gewissenlose Verschwender, erbten das Vermögen, und leicht rann das Geld durch ihre Finger, mit dem die alte Tante so viel Segen gestiftet und hatte stiften wollen. Maria weinte um sie wie um eine Mutter! Fünf Jahre waren vergangen. Der, auf den Maria gehofft, nach dem sie gebangt, war nicht gekommen, und wie ein Traum lag das Glück hinter ihr. Oh, du barmherziger Wald, der du so geduldig das immer neue Leid anhörst, so milde, sanfte Lieder rauschst, aus denen es klingt wie Märchensang: er kommt noch, er kommt noch, sei getrost, arm' Menschenkind! Ruhiger wird Maria, mit schweren Sorgen ist sie hergekommen, mit einem gut Teil leichterem Herzen tritt sie den Heimweg an. —