Auf den Stufen der Veranda steht bereits Kasia, ungeduldig nach ihr ausschauend. »Es ist gut, daß Du kommst, Maria, drinnen ist — oh staune — Besuch! Der alte Sanitätsrat stellt uns seinen Stellvertreter vor, er muß natürlich wieder nach Karlsbad, komm herein, oder vielmehr, geh' Du hinein, ich bleibe hier, es lohnt sich nicht der Mühe, so ein simpler Doktor, der als Stellvertreter geht, ich begreife Jusia nicht, die schrecklich liebenswürdig thut!« Sie rümpfte das feine Näschen, warf die zerpflückten Blätter einer Rose über die Stufen der Treppe und hüpfte davon, Maria die Pflichten der Wirtin überlassend.

Mit der ihr eigenen, gelassenen Ruhe betrat diese den Salon, auf ihrem feinen, durchgeistigten Gesicht lag noch der Ausdruck stiller Sehnsucht. Jusias helles Lachen klang ihr entgegen; Frau Halinka liebte die künstliche Dämmerung, sie war die vorteilhafteste Beleuchtung für ihre verblühte Schönheit, so herrschte auch heute nur mäßige Helle in dem großen Gemach, und Maria, die aus dem grellen Sonnenlicht kam, war zuerst nicht im stande, die einzelnen Personen zu unterscheiden. Da klang die krähende Stimme des Sanitätsrates, die so wenig zu seiner robusten Erscheinung paßte, an ihr Ohr, und dann eine andere, kräftige, fröhliche Männerstimme, bei deren Ton Maria zusammenfuhr, waren es noch die Träume des Waldes, die sie narrten? Wahrheit, war es Wahrheit? Da stand der vor ihr, nach dem sie sich gebangt und gesehnt all die Jahre, mechanisch legte sie die Hand in die seine. »Wir sind ja alte Bekannte, mein gnädiges Fräulein,« sagte er herzlich, da hob sie die Augen und sah ihn an, sah in seine treuen Augen, die redeten so vertraut zu ihr, daß die Jahre vor ihr versanken mit ihrem Leid, ihren Thränen, und ein heißes Glücksgefühl sie durchströmte.

»Maria!« Frau Halinka rief höchst mißbilligend ihren Namen. »Kind, wo bist Du mit Deinen Gedanken, siehst Du nicht, daß Herr Sanitätsrat Dich begrüßen will!«

Verwirrt blickte Maria um sich, ihr war, als müßten alle wissen, was da geschehen war in den wenigen Sekunden, heiß drängte sich ihr das Blut in die Wangen, mit einer ihr fremden Hast reichte sie dem alten Herrn die Hand, die dieser mit einem verzückten Blick an die Lippen zog. Dann sprach sie auch, gleichgiltige Worte, lächelte, war liebenswürdig, dabei sah sie nur immer ihn, hörte seine Stimme, und in ihrem Herzen sang und klang es so laut, daß sie meinte, die Anderen müßten es hören: »Er ist da, er ist da!« —

Gräfin Jusia schmiegte sich wie ein Kätzchen in den Sessel und warf unter den langen, schwarzen Wimpern hervor prüfende Blicke auf den jungen Arzt. Der war anders wie die Herren ihrer Gesellschaft, aber in einem so öden Nest wäre er zum flirten gerade recht. Hübsch war er, aber er sah so ernsthaft, so philisterhaft aus, nein, dies war nicht der rechte Ausdruck, er sah so deutsch aus, sagte sie sich. Dabei mußte sie sich aber doch gestehen, er kümmerte sich herzlich wenig um sie, nicht Schüchternheit war es, nein, Gleichgiltigkeit, aber wie er Maria anblickte! Gräfin Jusia beginnt zu kombinieren, prüfend gleiten ihre Augen von einem zum andern, nun, da müßte sie doch blind sein, wenn da nicht eine höchst sentimentale, romantische Liebesaffaire dahinter steckte, ich werde es ergründen! denkt sie, wenigstens eine Abwechslung in der trostlosen, langweiligen Einsamkeit.

Die Herren wollen sich verabschieden, aber Herr von Leninski erhebt Einspruch: »Selbstverständlich sind Sie unsere Gäste, na, das wäre ja noch besser, wenn Sie Lochowo ungespeist und ungetränkt verlassen wollten.« Der Hausherr lacht dröhnend über seinen eigenen Witz, von dem Sanitätsrat sekundiert, der wohl zu würdigen weiß, welch edlen Ungarwein der Keller von Lochowo birgt. —

Mögen die Leute sagen, die Leninskis würden bald Samuel Schmuhl, dem Hauptgläubiger, Lochowo überlassen müssen; Gäste, die einkehren in den wunderlichen Bau, merken nichts davon. Die matte Dämmerung in dem Speisesaal, hervorgerufen durch farbige Fenster, verhindert, daß man gewahrt, wie verblichen und zerschlissen die Seidenbezüge der altertümlichen Möbel sind. Marias geschickte Hände haben verstanden, vielfach die Schäden zu verbergen, sie hat auch die hohen, gekitteten Vasen mit graziösen Sträußen gefüllt und die Tafel in anmutiger Weise geordnet. Dazu die liebenswürdige Hausfrau — Frau Halinka ist in Gesellschaft immer liebenswürdig —, der joviale Gatte, die zierlichen Mädchenerscheinungen, der goldne Wein in den Gläsern vereinen sich zu einem reizvollen Ganzen. Selten verläßt ein Gast das Haus, der nicht den Wunsch hegt, bald wieder einkehren zu können.

Dann eine Bootfahrt auf dem See, für die der Sanitätsrat eifrig stimmt, um nachher zu erklären, er wolle bei Herrn von Leninski bleiben, der lächelt verständnisinnig, er kennt die schattige Laube, in der der opfermütige Sanitätsrat nach Tisch seinen inneren Menschen einer näheren Prüfung unterzieht; ihm ist es recht, hegt er doch die gleiche Absicht. Nach der Fahrt ein Wandern durch die verschlungenen Gänge des alten Parkes, der noch die Anlagen zeigt, die Herr Bogislaw der Prächtige von einem französischen Gartenkünstler hatte beginnen lassen. Im Laufe der Jahre war er aber verwildert, die Wege von Gras überwuchert, die steinernen Götterbilder mit ihren dicken Barockgesichtern waren von Schlingpflanzen umzogen, besonders der Teil, der am See lag, war eine dichte, grüne Wildnis.

Hier erst ist es dem jungen Arzt möglich, einige kurze Minuten mit Maria allein zu sein. Hier erst vermag er ihr in hastigen Worten zu erklären, warum er so lange fern geblieben. Die Eltern waren ihm rasch hintereinander gestorben, das geringe Vermögen blieb seinen beiden Schwestern. Er hatte tapfer gearbeitet, um vorwärts zu kommen, über dem Ringen aber verfloß die Zeit, und so kam es, daß er erst heute, nach mehr denn fünf Jahren, sein Wort einlösen konnte. Gut traf es sich, daß er in einer Fachzeitung das Gesuch des Sanitätsrates las, er hoffte, so am besten zu ihr zu gelangen, er benutzte seine Ferien und stellte sich dem alten Herrn als Stellvertreter.

»Maria, Du mein Lieb, in Deinen Augen las ich, daß Du mir die Treue gehalten hast die langen Jahre, Maria, mein Glück! Nun soll uns nichts mehr trennen, komme, was da mag, ich halte Dich fest, mein Glück,« leidenschaftlich zog der Mann das Mädchen an sich und sie widerstand nicht. Lange hatte sie gehofft, geharrt auf ihr Glück, nun war es da, war gekommen, wie der Frühling über Nacht, fest schlang sie die Arme um den Geliebten. Ihre Augen tauchten ineinander, um sie versinkt die Welt, sie sehen nur sich und fühlen nur, daß sie einander gehören für Zeit und Ewigkeit, bebend vor Glück flüstern sie nur das Eine: »Ich liebe Dich.«