Näherkommende Stimmen wecken sie erst aus ihrer Versunkenheit, hastig, helle Glut auf den Wangen, befreit sich Maria, ein kurzer, inniger Händedruck, und schon sehen sie die hellen Kleider Kasias und Jusias durch das Gebüsch schimmern.
»Nein, Maria! Wie echauffiert Du aussiehst!« Jusia hängt sich an ihren Arm und sieht spöttisch zu dem jungen Mädchen auf, das vergeblich versucht, seiner Verwirrung Herr zu werden. Und endlich gelingt es ihr, sich dem seichten Geplauder und den kleinen Bosheiten zu entziehen, unter dem Vorwand, im Haus nach dem Rechten sehen zu müssen. In dem Flur kommt ihr der Vater entgegen, hochrot im Gesicht, eine dicke Zornesfalte auf der Stirn, er stürmt an ihr vorüber, ohne auf ihren erschreckten Zuruf zu achten. Bestürzt tritt Maria in das Zimmer der Mutter und findet diese in Thränen aufgelöst.
»Mama, ach, was ist geschehen, ein Unglück, sag', oder hat Wlaciu wieder geschrieben?«
Frau Halinka schnellt empor, verschwunden ist die vornehme Ruhe ihrer Bewegungen, wie eine Wahnsinnige eilt sie im Zimmer umher und stößt mit vor Thränen erstickter Stimme hervor: »Marcel ist ein Tyrann, ein Geizhals, ein Grobian, wegen der paar Mark, die ich für unsere Toiletten ausgegeben habe, schreit er mich an, und einen Ball, ein harmloses, kleines Vergnügen, erklärt er für eine Unmöglichkeit. Oh, ich unglückliche Frau, meine Schönheit, meine Jugend habe ich diesem Mann geopfert, ich, die ich eine der glänzendsten Frauen Frankreichs sein könnte, versaure, verkümmere hier in diesem öden Erdenwinkel, und dann werde ich noch eine Verschwenderin genannt! Ärmer bin ich, wie die ärmste Käthnerfrau, oh, ich unglückliches Weib, wäre ich nur tot, dann wäre ich niemand zur Last!« Und in ein hysterisches Schluchzen ausbrechend, kauert sie sich in einen Fauteuil.
Maria müht sich, sie zu beruhigen, sie reibt ihr die Schläfen mit kölnischem Wasser und spricht weiche, liebkosende Worte zu ihr, nach und nach legt sich das wilde Weinen, Frau Halinka wird ruhiger und erklärt schließlich, sie wolle allein sein.
»Geh', mein armes Kind, verlass' Deine unglückliche Mutter.« Sie haucht einen Kuß auf Marias Stirn und sinkt wie gebrochen in ihren Stuhl zurück.
Langsam, als trüge sie Zentnerlast, steigt Maria zu ihrem Zimmer empor, auf das heiße Glücksgefühl, das sie durchglüht in den letzten Stunden, ist ein Reif gefallen, und finster drohend steigt wieder das Gespenst auf, das ihr schon manche Stunde verbittert, die Armut, die verhüllt, verborgen das Haus durchschleicht. Die Bäume des Parkes rauschten; der See liegt leuchtend im Sonnenschein; von unten schallen Stimmen zu ihr empor, sorglos, fröhlich trällert Kasia ein Lied, und eine, ach so geliebte Stimme fällt jubelnd ein. Die Lauscherin birgt den Kopf in die Hände, sie schreit und weint nicht, wie Frau Halinka, ihre Augen bleiben trocken, aber immer schwerer wird ihr armes, junges Herz von den ungeweinten Thränen.
Laue Sommerluft strömt durch die geöffneten Fenster des Speisesaals, Lachen, Sprechen, Klirren dringt hinaus in die stille Nacht, dasselbe Bild wie am Mittag, nur größer der Kreis; Propst Ryback und sein Amtsbruder aus S. und zwei benachbarte Besitzer mit ihren Frauen sind hinzugekommen. Frau Halinka ist liebenswürdiger denn je, in ihrer Toilette aus mattlila Seide sieht sie so vorteilhaft aus, daß selbst Gräfin Jusia an die einstige Schönheit zu glauben beginnt. Ihr Gatte sieht sie bewundernd an, verwischt ist die Sorgenfalte auf seiner Stirn, der goldene Wein in den hellen Gläsern blinkt, er rinnt wie Feuer durch die Adern, immer heller blitzen die Augen, und Herr von Ronkowski hebt das Glas und ruft: »Himmel und Hölle, Hochwürden verzeihen, die schönsten Frauen giebt es doch auf Lochowo, sie leben hoch, hoch, hoch!« Er wirft das Glas in weitem Bogen, daß es in tausend Scherben zersplitternd zu Boden fällt, und jubelnd folgen die anderen Gäste dem Beispiel und werfen ihre Gläser zur Erde. Propst Ryback lächelt nachsichtig, er ist dergleichen zu sehr gewöhnt, um noch daran Anstoß zu nehmen. Nur zwei werden immer stiller in der Gesellschaft, auf Maria lastet schwer der Gedanke an den Auftritt des Nachmittags, liebevoll hat sie vor dem Essen des Vaters Hand ergriffen und ihm zugeflüstert: »Armer Papa, so viel Sorgen hast Du!«
Aber freundlich sie streichelnd, hat er lächelnd erwidert: »Mama hat mal wieder Dummheiten gemacht, na, morgen muß Schmuhlchen kommen; aber, Donnerwetter, hübsch sieht die Mama heute aus, wirklich! Sie sticht beinahe ihre Töchter aus.«
Dr. Werner fühlt sich sehr unbehaglich in der fremden Gesellschaft. »Armes Lieb,« denkt er bei sich, »wie wenig mag ihr dieser Ton zusagen, wie blaß mein süßes Herz aussieht,« und er hebt sein Glas und neigt es ihr zu, da trifft ihn der Blick ihrer Augen und er erschrickt vor dem tiefen Weh, das in diesen dunklen Sternen liegt. —