Endlich rüsten die Gäste sich zum Aufbruch, die Herren küssen den Damen die Hand, der dicke Sanitätsrat versichert immer wieder, er würde im Bad rechte Sehnsucht haben nach Lochowo und seinen reizenden Frauen, dabei verneigt er sich, die Hände aufs Herz gedrückt, und sieht mit den kleinen, wasserblauen Augen so schmachtend auf die schlanken Mädchen, daß Jusia und Kasia nur mühsam ihr Spottlachen verbergen können.
»Leb' wohl, mein Lieb,« sagt Heinz Werner, mit innigem Druck Marias schmale Rechte umschließend, »sag' mir, wann darf ich zu Deinem Vater kommen mit meiner Bitte?«
»Noch nicht, Heinz, noch nicht,« wehrt Maria angstvoll, und wieder sieht sie den Geliebten an mit einem so schmerzvollen Ausdruck in den großen, dunklen Augen, daß dieser an sich halten muß, um nicht das Mädchen in seine Arme zu reißen und sie zu küssen, bis um diesen ernsten Mund ein Lächeln zuckt.
Die Wagen rollen von dannen, still ist es in dem alten Schloß geworden, ein Licht nach dem anderen verlöscht, nur droben in dem kleinen Giebelzimmer, das Maria bewohnt, schimmert Licht, die anderen schlafen längst, nur Maria ist noch wach, allein mit ihren Gedanken, die dem einsam dahin rollenden Wagen folgen. Gewiß, der alte Sanitätsrat schläft und er, ihr Geliebter, ob er wohl wacht, an sie denkt! Sie lächelt vor sich hin und breitet die Arme aus, ach könnte sie mit ihm dahin fahren auf dem stillen Weg, nur sie beide allein durch die schweigende Nacht, dem Glück entgegen, dem Morgenrot, und die Sorge hinter sich lassen.
Oh, ihr grauen Gespenster der Nacht, wie manchmal habt ihr schon den Schlaf von diesen jungen Augen gescheucht! Die Eltern und Geschwister gehen an dem dunklen Schatten vorbei und sehen sie nicht, nur sie, sie allein fühlt ihre Gegenwart, ihr rauben sie Jugendlust und Mut, sie allein hat sehende Augen und sieht den Abgrund zu ihren Füßen. Sie weiß es nur zu gut, ein einziger Fehlschlag und Lochowo, der letzte Rest der alten Herrlichkeit, ist verloren; draußen auf den Feldern steht die Ernte so schlecht, wie soll es im Herbst werden, der alte Schmuhl in der Kreisstadt hat noch rückständige Zinsen zu fordern, er hat geduldig genug gewartet, aber wie, wenn er die Geduld verliert? Dann denkt sie wieder an Heinz, wie er heute vor ihr gestanden, sie mit seinen guten, offenen Augen so ehrlich angeblickt. Ach, darf sie es denn, ihn hineinziehen in die traurigen Verhältnisse des Elternhauses, er sah freilich nicht nach Geld und Gut, er würde sie nehmen, wie sie ging und stand, aber würde sie nicht ein Hindernis sein auf seinem Weg! Sie schlang die Hände ineinander, und wie ein Aufschrei rang es sich aus ihrer Brust: »Oh, nur das Rechte thun!« Als der Morgen graute, senkte sich endlich der Schlaf über ihre heißen, verweinten Augen, ein fester, traumloser Schlaf, der ihr für Stunden die Sorge scheuchte.
Auch Heinz Werner hatte lange den Schlaf nicht gefunden. Hatte anfangs die Gewißheit, daß Maria ihn nicht vergessen, daß sie an ihm hing mit der alten Liebe, ihn mit unendlichem Glück erfüllt, so hatte ihn das so plötzlich veränderte Wesen der Geliebten, ihre sichtliche Schwermut, große Sorge bereitet. Bald genug sollte er den Grund dieser Veränderung erfahren; auf der Heimfahrt war es, da hatte der Sanitätsrat, behaglich in der Ecke des Wagens sitzend, gesagt: »Famoses Haus, dieses Lochowo, nur schade, daß es sich auch bald für frohe Gäste schließen wird.«
»Schließen, wieso?« hatte Heinz gespannt gefragt.
»Na, der alte Schmuhl in G. hat ja schon den größten Anteil davon, und wenn die Herrschaften so weiter wirtschaften, ist das Ende wohl nicht fern, die Gnädige versteht ja vom Haushalt so viel, wie ein Minister vom allgemeinen Notstand; wenn nicht die Maria wäre, die Ordnung hielt, ginge es noch mehr drunter und drüber. Schade um das Haus, man ist nun so lange da ein- und ausgegangen und hat einen guten Tropfen getrunken, wer weiß, vielleicht kauft es die Ansiedlungskommission, aber dann sind die schönen Zeiten erst recht vorbei. S'ist wirklich schade.«
Gähnend lehnte er sich in die Polster des Wagens zurück und wenige Minuten später verkündete ein sanftes Schnarchen, daß er über den Sorgen um das Schicksal seiner Freunde sanft entschlummert war.