Heinz Werner hatte mit offenen Augen in die schweigende Nacht geblickt, als könne aus dem Dunkel heraus das Bild seiner Zukunft treten. »Arme, liebe Maria,« sagte er, und dann reckte er sich, er fühlte seine junge Kraft, fühlte sich stark genug, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, für Marie und mit ihr.


Heiße Schwüle herrschte, kein Blatt regte sich an den Bäumen, schlaff, lechzend nach Frische, standen die Blumen auf dem trockenen, staubigen Erdboden und eine atemlose Stille hielt wie ein schwerer, müder Druck die Natur umfangen.

Den schmalen Weg, der vom Schlosse her, hart am See vorbei, nach dem Dorf führt, schlenderte Gräfin Jusia. Sie hatte es nicht ausgehalten droben in ihrem Zimmer, in das sie sich, Kopfschmerzen vorschützend, zurück gezogen hatte, um den endlosen Erzählungen Frau Halinkas über die Zeit ihrer Jugend zu entgehen. Auf der weißen Stirn des jungen Mädchens liegt eine tiefe Falte und ihre Hände zerpflücken nervös einen Brief in tausend kleine Stücke, die sie dann in weitem Bogen über das Wasser streut. »Aushalten, aushalten! Oh! Tante Amélie, Du hast gut reden,« murmelt sie, energisch mit den kleinen Füßen auf den weichen Boden aufstampfend. »Ich halte es nicht aus, nein, nein!« ruft sie dann laut, als könnte es Tante Amélie hören.

Da auf dem Wasser schwamm der Brief, der ihr die Nachricht gebracht, daß es der Tante bisher noch nicht gelungen sei, die Fürstin zu einer Einladung an die liebe Nichte zu bewegen.

»Halte aus, mein Seelchen, bis zum Herbst mußt Du schon in Lochowo bleiben, es ist mir unmöglich, die Mittel zu einer anderen Reise zu erschwingen! Halte aus!«

Jusia Potocka hebt die Arme, als möchte sie unsichtbare Fesseln davon abstreifen, oh, wäre sie frei, frei von der erdrückenden Kette der Armseligkeit, frei und reich, oh, leben können im brausenden Strudel der großen Welt, gefeiert, umgeben von Glanz und Luxus. War es nicht ein Dasein zum toll werden hier in Lochowo, in dieser künstlich vertuschten Misère, die ihre scharfen Augen nur zu gut sahen, dann noch lieber in einer engen, kleinen Wohnung, vier Treppen hoch in Paris, sah sie doch da wenigstens von fern das Leben, das heitere, brausende, glänzende Leben, das, ach, so kurz war.

»Leben, genießen,« flüsterten ihre Lippen, »ich will nicht wie eine Nonne dies kurze, blühende Leben vertrauern, nein, nein, ich will nicht, nicht eine Stunde gebe ich her, hörst Du es, Du da oben, ich bitte, ich fordere, ich will meine Jugend auskosten, ich will Reichtum, Glück und Glanz, ich will.« —

Ein dumpfes Grollen schreckte sie auf und verstört sah sie nach dem Himmel. Dieser hatte sich vollständig verändert, die lichten, blauen Wolken waren verschwunden, gelblich grau war er jetzt überzogen und den Westen begrenzte eine nachtdunkle Wolkenwand. Die Stille war noch schwerer, noch müder geworden, bis plötzlich ein jäher Windstoß herniederfuhr und dürre Blätter und feinen Sand empor wirbelte. Ein Gewitter! Einen angsterfüllten Blick nur hatte Jusia auf den Himmel geworfen, dann beginnt sie zu laufen, verflogen sind ihre Träume und Angst beherrscht sie, bebende Furcht, ihre kleine, feige Seele kann das Erhabene in dem Aufruhr der Elemente nicht fassen; sie zittert nur vor dem gewaltigen Schauspiel der Natur. Schon fallen schwere Regentropfen klatschend herab, da erreicht sie das erste Haus im Dorf, blendend fährt gerade ein Blitz hernieder, dem krachend der Donner folgt, mit einem hellen Schrei flüchtet sie und steht atemlos, zitternd, in dem Flur von Michael Wisniewskis kleinem Haus. Sie lehnt sich an die Wand und starrt hinaus in das tosende Wetter, wieder zuckt ein Strahl hernieder, den Flur sekundenlang mit bläulichem Licht erfüllend, ihm folgt der Donner so rasch und heftig, daß es ist, als schwanke das Haus in seinen Grundfesten.