»Oh, heilige Jungfrau, steh mir bei,« ruft Jusia laut und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, sie taumelte förmlich, da umfassen sie zwei starke Arme, eine Stimme schlägt an ihr Ohr:

»Oh, gnädige Gräfin, was ist geschehen?«

Sie sieht wie durch einen Nebelschleier hindurch das schöne, ernste Gesicht Michael Wisniewskis, matt schließt sie die Augen und lehnt sich fester in die schützenden Arme.

Michael steht regungslos, die leichte Gestalt in seinen Armen haltend, seine Blicke ruhen wie gebannt auf dem süßen, blassen Gesicht des Mädchens.

Seit jener Stunde, da er sie das erste Mal gesehen am Gitter seines Gartens, hat er ihr Bild nicht los werden können, in seine Träume hat es sich geschlichen, bei seinen einsamen Wanderungen, seinen ernsten Studien hat es ihn umgaukelt. So hatte noch nie ein Weib im ersten Augenblick des Begegnens seinen Sinn gefangen genommen, wie dieses vornehme, fremde Mädchen, das er nun in seinen Armen hielt. Er fühlt die Wärme ihres Körpers, an seine Wangen streifen ihre feinen, blonden Haare, sein Herz klopft in rasender Schnelle, seine Pulse hämmern, vor seinen Augen flimmert und flirrt es, aber er steht unbeweglich, wohl kommt ihm der Gedanke, Wasser zu holen, die Ohnmächtige in das Zimmer zu tragen, aber er vermag sich nicht loszureißen aus dem Bann.

Endlich schlägt Jusia die Augen auf, sie blickt verwirrt um sich, sieht das erregte Männergesicht über sich geneigt und löst sich nun langsam aus den sie umschlingenden Armen, dabei aber huscht ein leises, spöttisches Lächeln über ihr Gesicht, ach, sie versteht so gut die Sprache der Augen zu lesen und die ihres blonden Schützers reden eine so ehrliche Sprache.

Auf den Steinfließen des Flurs wird ein schlürfender Schritt hörbar, zwei dunkle, scharfe Augen schweifen spähend umher, die Gestalt Benjamins löst sich aus dem Dunkel, er tritt, die Gruppe vor sich erstaunt betrachtend, näher.

Vor allem Kranken, Elenden hegt Jusia Potocka eine unüberwindliche Abneigung und dieser mißgestaltete Mensch, der so unerwartet vor ihr auftaucht, flößt ihr Entsetzen ein und sie weicht unwillkürlich zurück, sich an Michael anschmiegend. Benjamin hat ihre Bewegung wohl gesehen, ein haßerfüllter Blick streift die Beiden, trotzdem sagt er mit leidlich beherrschter Stimme: »Michael, willst Du die Dame nicht ins Zimmer geleiten, das Wetter wird noch etwas anhalten und so lange muß das gnädige Fräulein schon mit unserer schlichten Behausung vorlieb nehmen.«

Er öffnet, sich verneigend, die Thür und tief aufatmend überschreitet Jusia Potocka die Schwelle. Und die blonde Fee kehrte in die Hütte des Hirten ein, ein Leuchten ging von ihr aus wie eitel Sonnenschein und Jung Severin rief: »Gelobt seist Du, Dobrinka, für das Licht, das Du mir bringst,« heißt es im Märchen und Michael will es erscheinen, als sei das Märchen zur Wahrheit geworden, da das blonde Mädchen seine Schwelle überschritt. Jusia hat in einem hohen Lehnstuhl Platz genommen und neugierig gleiten ihre Blicke über ihre Umgebung hin, den niedrigen Raum mit schlichten, dunklen Holzmöbeln, an der Wand ein Regal mit Büchern gefüllt, alles einfach aber durchaus nicht bäuerlich. Sie sieht die weiße Christusstatue, die aus der magischen Gewitterbeleuchtung sich in lebendiger Klarheit hervorhebt und ein eigenes Gefühl überkommt sie. Ihr ist es plötzlich, als sei sie in diesem Raume eine andere, nicht mehr die alte Jusia Potocka, die kalte, raffiniert kokette Weltdame, sie weiß, sie braucht nicht viel Kunst anzuwenden, um den blonden Heiligen, wie sie ihn seit Kasias Erzählung nennt, an sich zu ziehen, aber hier in diesem Raume ist es ihr unmöglich, sie ist ordentlich befangen, ahnungslos, daß gerade dies befangene, verträumte Wesen sie in Michaels Augen um so reizvoller erscheinen läßt. Sie fühlt, wie unverwandt des Mannes Blicke auf ihr ruhen, die traumhafte Stille, nur unterbrochen durch die schon ferneren Donnerschläge, das Plätschern des Regens, bedrückt sie, so sagt sie hastig, nur um zu sprechen, um den Laut einer Stimme zu hören: