Michael freute sich beinahe über den Vorwurf, den er dem Freund machen konnte, als Vergeltung für dessen Mahnung, die ihn, obgleich er es nicht eingestehen wollte, tief getroffen hatte. Mit einem kurzen »Lebewohl« stürmte er hinaus, fort, nur fort in die Einsamkeit, hinaus in den Frieden der Natur. Er eilte den Weg über die Wiesen hinunter an den See, dort unter den hohen Bäumen warf er sich nieder und preßte die heiße Stirn in das kühle, feuchte Gras, oh hätte er doch das so wildklopfende, heiße Herz kühlen können. Noch nie war er der Macht der Leidenschaft unterlegen, noch nie hatte der Gedanke an Frauenliebe sein Herz höher schlagen lassen und nun war es über ihn gekommen, wie ein Fieber, das ihn schüttelte, das sein Blut sieden ließ.
Er rang gegen den Dämon in seiner Brust, er beschwor das Bild seiner Braut vor sein geistiges Auge. »Tabea!« stöhnte er, »Tabea, komme zu mir!« Vergeblich, Tabeas Bild zerfloß wie im Nebel und immer wieder sah er Gräfin Jusias holde Gestalt vor sich. Er schmähte sich selbst, nannte sich einen wortbrüchigen Narren, einen thörichten Bauernjungen, er hielt es sich vor, daß die junge Gräfin ihn garnicht für gleichberechtigt ansah, er rief seinen Stolz zur Wehr hervor, vergebenes Mühen, das lockende Bild wollte nicht weichen. Rauschte es nicht in den Zweigen der hohen Ulmen, klang es nicht aus den girrenden Schreien der Wasservögel hervor, flüsterte nicht das schwankende Schilf: Jusia, Jusia!
Tief senkten sich bereits die Schatten der Nacht hernieder, da kam endlich etwas Ruhe in des Mannes Herz, es war wie eine Ruhe nach einem Sturm, die tiefe Ermattung zurückläßt und die bange Frage, wann wird er wieder zu brausen beginnen?
Gräfin Jusia hatte nach ihrem Aufenthalt in Michaels Haus den Weg, der direkt nach dem Schloß führte, eingeschlagen, in ihr kämpften widerstreitende Empfindungen. Sie war empört über Benjamins Anmaßung und fand, daß sie selbst sich benommen hatte, wie ein Pensionsmädchen. Dann wieder amüsierte sie sich über Michaels schrankenlose Bewunderung, die ihr, so wenig sie es sich eingestehen mochte, doch schmeichelte, und öfter kehrten ihre Gedanken zu dem Augenblick zurück, da sie, aus ihrer Betäubung erwachend, dies schöne, stolze Gesicht angstvoll über sich geneigt sah. »Arme Tabea,« dachte sie mit heimlicher Freude, sie reckte die schlanke Figur etwas, während ein triumphierender Ausdruck auf ihr Gesicht trat. Oh, es war köstlich, die Macht zu erproben, die sie über Männerherzen besaß, das richtete sie auf und stählte ihre Hoffnung auf den großen Erfolg ihres Lebens, der ihr Reichtum und Glanz geben sollte, den allein würdigen Namen für ihre Schönheit.
Ein rasch daherkommender Wagen zog ihre Aufmerksamkeit an, sie erkannte in dem Herrn darin Dr. Werner, der flüchtig grüßte, sie sah ihm nach. Puh! war das ein Gesicht, schlimmer wie das Wetter vorhin! Ei, sollte der Doktor gar von Lochowo kommen, war etwas geschehen, hatte er gar um Maria angehalten, vielleicht hatte sie ein kleines, aufregendes Schauspiel verpaßt? Ihre Neugierde war erregt und schnell eilte sie dahin, um so bald wie möglich zum Schloß zu gelangen. Die Terrasse war leer, ebenso der weite Vorflur, sie ging auf den Salon der Hausfrau zu, da öffnete sich auch schon dessen Thür und Kasia schlüpfte heraus.
»Jusia, komm' schnell, ich muß Dir etwas mitteilen!« Sie zog die Freundin mit fort nach deren Zimmer. »Denke Dir, wie gräßlich, Maria liebt diesen Dr. Werner, soeben war er da und hat um ihre Hand angehalten, Mama ist außer sich,« sprudelte sie hervor. »Sag' doch, ist es nicht empörend?«
»Warum, mein Seelchen?«
»Warum, mein Gott, Jusia, eine Maria von Leninska will einen Dr. Werner von Dingsda heiraten, der noch dazu ein Deutscher, ein Protestant ist, das ist doch einfach lächerlich, widersinnig, erniedrigend, ich finde keine Worte für meine Empörung.« Die kleinen Hände der Sprecherin ballten sich zusammen. »Eine Schmach für uns ist es!« schrie sie.
Jusia lachte auf, ihr weiches, klingendes Lachen: »Nun, was die mangelnden Worte betrifft, daran fehlt es ja nicht, meine süße Kasia! Übrigens bist Du ein Närrchen. Warum verdenkst Du es denn Deiner Schwester so, wenn sie hier fort will aus dieser Einsamkeit, sie denkt halt, besser ein bürgerlicher Mann, ein simpler, kleiner Doktor, wie gar kein Mann!«