»Das sagst Du, Jusia, Gräfin Potocka, deren Ahnen bereits unter Johann Sobieski eine Rolle spielten? Ja, würdest denn Du eine Heirat schließen, die nicht standesgemäß ist?«
Jusia kniff die Augen ein wenig zusammen und sah spöttisch in Kasias aufgeregtes Gesicht. »Wenn er reich wäre! Kleine, dumme Klosterschwester, man merkt, Du hast die Welt noch nicht gesehen, hast noch die Klosterideen, wo wir sehr aristokratisch waren und es als selbstverständlich ansahen, daß unsere Priorin eine Prinzessin von Geblüt war, wir saßen eben hinter Klostermauern. — In der Welt ist es anders, was nutzt uns der Adel ohne den Lebenssaft des Goldes, Reichtum giebt Freiheit, giebt Lebensgenuß, Du wirst es schon noch einmal verstehen. Sieh mich nicht so entgeistert an und sei nicht zu empört über Deine Schwester. Chacqu'un à son goût, ma chère, ich würde mich ja auch dafür bedanken, als Frau Dr. Werner irgendwo in Dingsda zu sitzen, aber Maria, die paßt hin. Sie kommt sicher mit dem denkbar wenigsten Wirtschaftsgeld aus, hält sich nur ein kleines Aufwartemädchen, trägt womöglich drei Jahre denselben Hut und zieht nur an hohen Festtagen ein seidenes Kleid an, bekommt rote Hände mit zerstochenen Fingern vom kochen und stopfen. Einmal wöchentlich geht sie vielleicht zu einem sogenannten Kränzchen und Sonntags mit ihrem Mann und sämtlichen Babys spazieren. Oh, und Kasia, besuchst Du sie, so giebt es Braten zu Tisch, Du wirst sämtlichen Honorationen von Dingsda vorgestellt, vielleicht, wer kann es wissen, findet einer der Jünglinge von Dingsda in Dir sein Ideal und er macht Dich zu einer ehrsamen Bürgersfrau, und am Sonntag geht ihr dann zusammen spazieren.«
»Oh pfui, Jusia, höre auf, Du bist abscheulich! Noch über unser Unglück zu spotten!«
»Laß gut sein, Kleine, wenn Du nicht willst, rolle ich keine verführerischen Zukunftsbilder mehr vor Deinen Blicken auf, erzähle Du mir lieber, wie die Sache eigentlich war?«
»Was ist da zu erzählen,« sagte Kasia, während ihr die Thränen über die Wangen liefen. »Dieser Mensch kam, ließ sich melden und brachte auch sofort seinen Antrag vor, ich war im Nebenzimmer und hörte alles, Du mußt nicht denken, ich hätte gehorcht,« unterbrach sie sich, Jusias spöttisches Gesicht bemerkend, »sie sprachen laut genug und Mama schrie förmlich vor Schreck, Du kannst Dir denken, wie empört sie überhaupt war.«
»Kann ich mir denken,« setzte Jusia in Gedanken hinzu, »schade, schade, daß ich Frau Halinkas Entsetzen nicht gesehen habe.«
»Dann kam Maria,« fuhr die Erzählerin fort, »sie erklärte auch gleich, daß sie den Menschen liebe, denke nur, schon seit fünf Jahren, Gott! wenn er nicht so simpel wäre, fände ich das Ganze ja riesig romantisch. Mama bekam dann einen Weinkrampf und Papa bat den Doktor, sich zu entfernen. Wie er gegangen war, gab es noch eine furchtbare Scene, Maria war auch so verstockt, wenn sie wenigstens geweint und geschrieen hätte, gesagt, sie ginge ins Kloster oder ins Wasser, aber nein! stumm und blaß stand sie da; nun sitzt sie oben in ihrem Zimmer und hat sich eingeschlossen. Das Abscheulichste ist, gerade wie dieser Mensch kam, berieten Mama und ich über unser Sommerfest, und nun wird gewiß nichts daraus. Oh, das Leben ist zu schwer, ich bin zu unglücklich!« Und immer heftiger flossen ihre Thränen! —
»Kasia, mein Seelchen, nimm diese Angelegenheit doch nicht so tragisch, lache doch lieber mit mir, Thränen verderben bloß den Teint, lasse Deine Schwester thun, was sie will, Du brauchst ja den Doktor nicht zu heiraten, und das Sommerfest wird schon stattfinden, sage mir lieber, welche Toilette Du wählen wirst und wer erwartet wird?«
»Ach, mir ist jetzt alles gleich,« erwiderte Kasia, »abscheulich von Maria, uns solchen Kummer zu bereiten, — glaubst Du wohl, daß rosa mir stehen wird?«
»Sicher, mein Herz,« Jusia zog die Freundin an sich, »sag' endlich, wer wird erscheinen?«