Oben in ihrem Zimmer saß Maria am Fenster und starrte mit thränenlosen Augen hinüber nach dem blinkenden See, der jetzt so ruhig und glatt dalag, als wäre nie ein Gewittersturm darüber hingebraust. Sie hätte weinen mögen, heiße, bittere Thränen, aber ihre Augen blieben trocken, ihr fehlte die Kraft zum Weinen. Sie war so unsäglich müde von allen stillen Kämpfen, ach, hätte sie jetzt ihr Haupt an des Geliebten Brust legen können, still, ganz still, und mit ihm fortgehen können, dahin, wo Ruhe und Frieden war. Vorhin bei dem Sturm der Entrüstung war sie still gewesen, sie hatte wohl das Gefühl, als müsse sie rufen: »Laßt mir doch mein Glück, mein reines, stolzes Glück, stört mir doch nicht den Frieden meiner Liebe!« Aber kein Laut war über ihre Lippen gekommen, nur mit Entsetzen hatte sie gefühlt, wie innerlich fremd sie den Ihren war. Keine Frage von Mutter und Schwester nach ihrer Liebe, nur Standesvorurteile, nicht die Person des Mannes galt, dem sie sich zu eigen geben wollte, nur sein Rang, seine Stellung. Stumm hatte sie alle Schmähungen über sich ergehen lassen, als zuletzt Kasia ausgerufen hatte: »Ach, nun wird gewiß nichts aus unserem Ball,« da war sie gegangen, Bitterkeit und Verachtung im Herzen, hierher hatte sie sich geflüchtet, wo sie schon so oft in einsamen Stunden stille Kämpfe ausgefochten hatte. —

Draußen erklang ein Schritt, es war, als dämpfe jemand vorsichtig seinen schweren Tritt, lauschend hob Maria den Kopf, kam jemand zu ihr? Nun klopft es zaghaft und ein leises Räuspern wurde hörbar. Sie sprang empor und öffnete hastig die Thür. »Papa, Du, Du kommst zu mir?«

Herr von Leninski schlüpfte hinein, leise die Thür hinter sich zuziehend.

»Hm, ich wollte mal sehen, wie es Dir geht,« sagte er, sie dabei mit einem Blick voll herzlicher Liebe ansehend.

Maria war es, als löse sich ein Reif von ihrem Herzen, mit einem Jubelruf warf sie sich in die Arme des Vaters und heiße Thränen stürzten ihr aus den Augen.

Herr Marcel strich ihr, so sanft er konnte, über das dunkle Haar. »Mein Kind,« flüsterte er, während es in seinen Augen bedenklich feucht schimmerte, »mein armes, gutes Kind, hast Du ihn denn gar so lieb?«

Maria hob den Kopf ein wenig: »Ja, Vater,« sagte sie unter Thränen lächelnd, »ich habe ihn lieb, mehr wie ich sagen kann!«

»Hm ja, na die Mama ist ja sehr aufgebracht, ich wollte Dir aber doch sagen, hm ja, ich persönlich habe nichts dagegen, gar nichts, na und wenn Du gern willst, der Stefan fährt zur Stadt, vielleicht soll er einen Brief besorgen, hm, wie gesagt, die Mama ist dagegen, aber die Zeit, die Zeit.«

»Oh du einziger, guter Vater,« stammelte Maria, während ihr unaufhaltsam die Thränen über die Wangen flossen.

»Mein bestes Kind, Du mein tapferer Kamerad, schreib es ihm nur, mir ist er als Sohn willkommen, und wie gesagt, die Zeit, die Zeit.«