Vorsichtig trat Herr von Leninski den Rückweg an, es brauchte ja gerade niemand zu wissen, daß er bei Maria gewesen war, an dem Zimmer seiner Frau vorbei schlich er sogar auf Fußspitzen. »Hm ja, die Frauen sind sonderbar,« seufzte er und dachte dabei an Frau Halinkas Weinkrämpfe, die ausdauernder und in ihrer Wirkung nachdrücklicher waren, wie seine gelegentlichen Zornesausbrüche.
»Chère tante! — Du siehst, ich bin noch am Leben, noch nicht gestorben vor Langeweile, aber ich gebe Dir die Versicherung, lange bleibt meine Seele nicht in diesem öden Nest und wenn ihr der Körper, wegen mangelnden Reisegeldes, nicht folgen kann, wird es wohl eine Trennung geben, also bereite Dich immer vor, daß Dir plötzlich mein armer Geist erscheint, der das Idyll von Lochowo verlassen hat. Doch eine Abwechslung winkt in dieser ländlichen Stille, um Dir davon zu erzählen, schreibe ich heute. Ein Ball, ein Sommerfest oder wie Du es nennen willst, soll es geben, wenn — wenn nämlich Papa von Leninski in der Lage ist, den nötigen Mammon dazu herzugeben, was mir durchaus nicht sicher erscheint. Etliche Familien aus der Umgegend sollen kommen, Kasia rümpft die Nase, daß auch das bürgerliche Element vertreten sein soll. Es geht die Sage, daß auch einige männliche Erscheinungen, die noch nicht die Ehefesseln tragen, das Fest verherrlichen werden und wenn ich Dir sage, daß auch Graf Kasimir Sucholski erscheint, der trotz seiner fünfzig Jahre noch seine Millionen und seine Freiheit besitzt, geht sicher in Deinem Tantenherzen strahlend die Sonne der Hoffnung auf. Nun noch eine lächerliche, kleine Neuheit, Maria will sich verloben mit einem Dr. Heinrich Werner, wohnhaft in irgend einem kleinen Nest, schade, daß Du diesen Familiensturm nicht erlebt hast. Madame war rasend und ist jetzt elegisch, monsieur war still und ist noch immer still, im Grunde aber scheint er mir sehr zufrieden zu sein, wenigstens eine Tochter versorgt zu wissen. Kasia ist empört, vollständig Aristokratin, sie haßt die Schwester förmlich, unter uns gesagt, la petite hat Rasse, ich glaube beinahe, ich lade sie mir nicht in mein künftiges Haus. Und Maria! Oh, es wäre wert, dies Bild festzuhalten, sie ist verklärt, nur Liebe, nur Demut, ich bin sicher, sie sieht in diesem Doktor aus Dingsda einen Halbgott und wird selig sein, darf sie erst ihrem Herrn die Strümpfe stopfen und die Suppe kochen, sie fühlt sich im Paradies, zieht sie erst in ihr bescheidenes Heim. Die Ansichten von Glück sind eben verschieden, mein Götze heißt Reichtum und Schönheit, ich will leben, leben, dies, ach so kurze Dasein genießen und nicht verkümmern in der elenden Misère!
Lebe wohl, chère tante, bitte zu den Heiligen, daß sie mein Gebet erhören. Immer in Liebe
Deine tieftraurige Jusia.
»Wenn ich nur wüßte, ob Graf Kasimir wirklich so reich ist, wie Fama sagt!« so überlegt Jusia, während sie den Brief in den im Hausflur befindlichen Postkasten senkt und dann mit leisen Schritten das Schloß verläßt. Sie fürchtet, Kasia könnte kommen, lieber vertieft sie sich in die Lektüre von Paul Bourgets neuesten Roman, den ihr Tante Amélie gesandt, als sich an den endlosen Gesprächen über Marias unbegreifliche Rücksichtslosigkeit zu erbauen. Leichtfüßig eilt sie die verschlungenen Wege des Parkes entlang, dem See zu und besteigt dort angekommen, den, an einer Kette liegenden Kahn; träumerisch sieht sie auf das graue Wasser, das leise plätschernd an die Wände des Bootes schlägt.
»Oh pescator dell'onda
Fidelin
Vieni pesca in qua
Colla bella sua barca
Colla bella sene va
Fidelin lin la«
trällert sie, mit sehnsüchtigen Augen in die Ferne blickend, dem großen unbekannten Glück entgegen.
»Colla bella sene va,
Fidelin, lin la!«
Der einsam am Ufer des Sees dahinschreitende Mann hebt den Kopf, da der helle Gesang an sein Ohr schlägt. Er lauscht. Da stockt ihm der Atem, als er durch das Gebüsch das rote Kleid der Sängerin schimmern sieht.
»Führe mich nicht in Versuchung,« stammelt er und will zurück, nur nicht wieder mit ihr sprechen, sie sehen, deren Bild ihn umgaukelt im Wachen und Träumen.