Immer dichter hüllte die Ferne sich in ihr graues Nebelgewand, kein Laut, kein Ruf drang an das Ohr der Beiden, sie waren so einsam in dem wallenden Nebel, wie auf einer stillen, fernen Insel.

So verrann die Zeit für das Paar unter den hängenden Eschen wie eine kurze, flüchtige Minute, irgendwo schlug ein Hund an, das langgezogene Bellen trug den ersten Laut der Welt in diese graue Einsamkeit und schreckte Jusia Potocka empor. Tief aufatmend befreite sie sich aus Michaels Armen.

»Es kommt jemand, heilige Jungfrau, wenn mich ein Mensch sieht.« Sie strich sich das zerzauste Haar aus der Stirn und sah angstvoll um sich. »Rasch, nur rasch, ich muß zurück, man wird mich suchen, mich vermissen!« Sie hastete, um vorwärts zu kommen, jetzt, da sie aus dem Bann der letzten Stunde erwacht war, überkam sie eine namenlose feige Angst, daß jemand sie sehen könnte. Sie zitterte vor Ungeduld, vorwärts zu kommen, und ergriff Michaels Hand, ihn mit sich ziehend. »Schnell doch, nur fort von hier, ich muß zurück, oh, wäre ich doch erst in Lochowo!«

Michael folgte ihr willenlos, er konnte sich nicht so jäh aus dem schönen Traum lösen, ihm war alles andere, die Menschen, alles so völlig gleichgiltig. Mechanisch setzte er die Ruder ein, leise strich der Kahn über das Wasser, das gurgelnd an seine Wände schlug, alles wie zuvor und doch so anders. Jusia Potocka spähte angstvoll aus, ob ein anderes Boot ihnen entgegen käme, ob man sie suchte. Das Ufer mit den Trauereschen tauchte im Nebel unter, verschwommen und grau sahen die Umrisse von Schloß Lochowo hervor, mit einem Seufzer der Erleichterung begrüßte Jusia das Bild, dort war das Ufer; noch lag der Kahn nicht fest, da sprang sie schon heraus und eilte mit einem flüchtigen: »Auf Wiedersehen!« davon.

Die hohen Bäume des Parkes nahmen sie in ihren Schatten auf, sie hörte nicht mehr den flehenden Ruf des Mannes: »Bleibe, ach, bleibe doch, wann seh' ich Dich wieder?«

Immer stärker rauschte der Regen nieder, der trübe Tag war kaum merklich zum Abend geworden, immer noch saß Michael im Kahn und starrte nach dem Park, als müsse die Pforte sich öffnen und eine holde Gestalt heraustreten.

Er war wie im Fieber, wie wahnwitzige Fieberphantasien jagten die Gedanken sich hinter seiner Stirn. Aus dem wallenden Nebel lösten sich Gestalten heraus, er sah Propst Ryback, sah Vater Abraham und — Tabea, da stöhnte er vor Qual und Scham. Dann wieder fühlte er Jusias Gestalt in seinen Armen, er meinte den Duft ihrer schimmernden Haare zu spüren, da zuckte er vor Leidenschaft, er streckte die Arme aus und schluchzte: »Jusia, Jusia,« aber alles blieb stumm.

Kein Laut drang aus dem Schloß zu dem einsamen Mann herüber, einige Fenster erhellten sich, dort weilte sie jetzt, ob sie wohl lachte und sprach mit ihrer hellen, weichen Stimme, ob sie wohl an ihn dachte?