Spät erst raffte sich Michael auf, völlig durchnäßt, totmatt von den quälenden Gedanken, schlug er den Rückweg ein; er ging durch das Dorf, heute war es ihm vollständig gleichgiltig, ob man ihm Schmähworte nachrief oder nicht. Wie ausgestorben lag das Dorf da, nur aus dem Krug erscholl wüstes Johlen, und Michael dachte gerade wie einst; damit kehrten ihm die Gedanken zur Vergangenheit zurück, heiße Sehnsucht ergriff ihn plötzlich nach der entschwundenen Zeit der Jugend, der Reinheit, da er mit schuldlosem Herzen oft denselben Weg gegangen war.
Da stand er am Pfarrhaus, durch die grünen Fensterläden schimmerte Licht, der Propst weilte in seinem Studierzimmer, und als trieb ihn eine unsichtbare Macht vorwärts, der er nicht widerstehen konnte, trat Michael näher. Oh, nur jetzt in dieser Stunde eine treue Hand ergreifen können, jetzt »Vater« sagen dürfen, »Vater — ich verstehe Dich und Deine Schuld, denn jetzt weiß ich, was Leidenschaft heißt, weiß, welche unbesiegbare Macht sie ist, die uns zur Sünde treiben kann.«
Immer näher zieht es ihn, er durchschreitet den kleinen Vorgarten, er tritt durch die offene Hausthür in den weiten Flur, in dem eine kleine Öllampe ein mattes Licht verbreitet; er schleicht sich an die Thür des Studierzimmers und setzt sich dort auf die schmale Holzbank nieder, auf der er wartend einst so oft gesessen hat. Er legt den Kopf an den Thürpfosten und lauscht, ob er nicht drinnen den Schritt des Propstes hört, aber an sein Ohr schlägt nur das Geräusch des fallenden Regens draußen und das wilde Klopfen seines eigenen Herzens.
Ihm ist zu Mute, als sei er heimgekehrt nach langen, langen Jahren, er denkt nicht daran, wie Propst Ryback ihm entgegengetreten ist, als er im Winter in seine Heimat zurückkam, in dieser Stunde hat er alles vergessen, er hat nur grenzenlose Sehnsucht nach einem gütigen, verstehenden Wort, nach jemand, der seine heiße, verzehrende Liebe versteht. Er tastet nach der Klinke und öffnet leise die Thür, er sieht im Lichtkreis einer Lampe den Geistlichen sitzen, den Kopf tief über ein Buch geneigt.
»Vater!« Wie ein Hauch rang es sich von seinen Lippen.
»Michael!« Der Propst sprang nicht empor, regungslos blieb er sitzen und sah entsetzt auf den Mann in der Thür. Sekundenlang ruhten die beiden Augenpaare ineinander, bis sich der Propst erhob, ein eisiger Zug legte sich auf sein Gesicht, als er hart sagte: »In meinem Haus ist kein Raum für einen Abtrünnigen!«
»Vater!« In verzweifelndem Flehen, in beginnendem Trotz klang der Ruf.
»Kein Raum für einen Abtrünnigen,« wiederholte der Propst tonlos.
»Auch keinen Raum für den Sohn?«
Michael schrie es fast und doch klang namenlose Angst durch seine Worte.