Es war, als schwanke die stolze Gestalt des Geistlichen, aber nur kurz war die Schwäche.

»Ein Priester hat keinen Sohn, darf keine Liebe haben, als die zu der heiligen Kirche,« sagte er fest.

Michael lachte auf, wild, höhnisch, rasch trat er näher.

»Du,« stieß er hervor, »Du, der Du mein Leben verbittert hast, mich hineingetrieben in Zweifel und Irrtümer, der Du die Schuld trägst, daß mir mein stolzer, reiner Kinderglaube verloren ging, Du, der mir alles genommen, was rein und gut in mir war, Du verdammst mich als Abtrünnigen, schiltst mich einen Ketzer und stößt mich fort! Du verweigerst mir Vaterliebe, Du verleugnest mich aus feiger Angst vor der Welt, Du entziehst mir, was der Ärmste seinem Kinde giebt: Liebe! und nennst Dich einen Priester, einen Christ! Oh, ich Thor, ich kam her und wollte mich an die Brust des Vaters flüchten, wollte Dir sagen, daß ich Deinen Fehltritt verstehe, und verstehen heißt verzeihen, ich wollte nur ein wenig Liebe. Aber wehe Dir, die Liebe läßt sich nicht leugnen, hüte Dich, daß nicht einst eine Stunde kommt, in der all Dein Flehen, Dein Rufen vergebens ist, in der Du einsam bist und Dein Herz vergebens nach der Liebe Deines Kindes schreit, hüte Dich vor dem zu spät.« —

In wortlosem Entsetzen stand der Propst, er sah das leidenschaftdurchwühlte Gesicht des Sohnes, hörte die furchtbare Anklage, dann schlug ein grelles, verzweifeltes Lachen an sein Ohr, krachend fiel die Thür ins Schloß, er war allein. — Er wollte rufen: »Kehr zurück, komm wieder!« Kein Laut kam über seine Lippen, gebrochen sank er auf einen Stuhl nieder, mit starrem Blick nach der Thüre schauend, als müßte diese sich öffnen und der Sohn noch einmal kommen. Alles blieb still, der alte Mann saß stundenlang so, bis er endlich laut vor sich hin sagte: »Ein Priester darf nicht lieben, er gehört nur der heiligen Kirche!« —

Michael stürmte davon, seinem kleinen Hause zu, das so still dalag wie die anderen; vor der Thür saß die mächtige Dogge und begrüßte mit freudigem Winseln den heimgekehrten Herrn. Leicht strich ihr dieser über den Kopf, ihm that die Freude des Hundes ordentlich wohl.

Benjamin schien bereits zu schlafen oder war noch nicht zurückgekehrt, Michael dachte daran, daß heute Nachmittag eine Andacht im jenseitigen Walde hatte stattfinden sollen, er dachte daran, wie an etwas, das weit, weit hinter ihm lag, er war nur froh, jetzt nicht dem Freunde Rede stehen zu müssen, in dieser Stimmung nicht dem forschenden Blick der dunklen Augen standhalten zu müssen. Er zündete ein Licht an und betrat das niedrige Wohnzimmer, er prallte förmlich zurück, aus der Ecke leuchtete das weiße Bild des Heilands ihm entgegen, die Kerze in seiner Hand warf unruhige Lichter darauf, die darüber hinhuschten und dem weißen Bildwerk einen Schimmer von Leben verliehen.

Seine aufs äußerste angespannten Nerven verloren die Spannkraft, laut weinend warf er sich vor der Statue nieder und streckte die Arme aus.

»Hilf, hilf!« stöhnte er; er wollte beten, aber er konnte nicht, er stammelte nur wirre Worte, in ihm tobte alles wirr durcheinander, Liebe und Leidenschaft, Scham, Reue und Zorn stritten in ihm, bis zuletzt die mächtige Stimme der Leidenschaft all' die anderen übertönte. Jusias Bild trat vor seine Augen, er hörte ihr Lachen, sah ihr süßes Gesicht, er küßte wieder ihren roten Mund und hielt sie in seinen Armen. So verharrte er regungslos zu den Füßen des Christusbildes, bis ein wohlthätiger Schlaf sich auf seine Augen senkte und im Traum flüsterten seine Lippen: »Jusia, Jusia.«