Schwerfällig erhob sich endlich der Geistliche, auf seinem sonst so strengen Gesicht lag ein milder, wehmütiger Zug, den Maria noch nie an ihm gesehen hatte, er ergriff die Hand des Mädchens und hielt sie einige Minuten fest in der seinen, forschend in Marias Gesicht sehend, dann sagte er ruhig:

»Ich will nicht erst versuchen, Dich umzustimmen, meine Tochter, ich sehe, es wäre vergebens, möchtest Du nie den Schritt bereuen und nie Deinem Glauben und Dir selbst untreu werden, die heilige Jungfrau schütze Dich.« Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihrem Haupt und verließ dann das Zimmer; er ging auch nicht mehr zu Frau Halinka hinein, er schritt hastig durch das Dorf, seinem Hause zu.

In seinem Studierzimmer, in das durch die dichtbewachsenen Fenster ein gedämpftes, grünliches Licht fiel, saß er dann und sann. In seinen Ohren klangen die Worte nach, die Maria zu ihm gesprochen hatte, das Wort von der Liebe, die sich nicht verleugnen läßt, war es nicht Wahrheit, hatte er nicht selbst gegen die Gefühle gerungen, die er als Priester nicht hegen durfte? Er sah noch immer das bleiche Weib vor sich, tot am Boden liegend, er hörte noch das verzweifelte Schluchzen des Knaben; dann fühlte er die weiche Kinderhand in der seinen, sah die großen Kinderaugen fragend in inniger Liebe auf sich gerichtet.

Der einsame Mann stöhnte auf. Fort, fort mit diesen Bildern, alles lag weit hinter ihm, hart wollte er gegen sich sein, wie er es gegen den Abtrünnigen gewesen war, keine Brücke gab es zwischen ihnen.

Was war nur mit ihm, war er denn schon so alt und schwach, daß die Worte eines Mädchens an seinen Grundsätzen zu rütteln vermochten?

»Nein,« sagte er vor sich hin, »ich will nicht schwach werden, oh Herr, gieb mir die Kraft dazu, reiße dies thörichte Gefühl aus meinem Herzen, daß kein anderer Gedanke darinnen lebe, als der, Dir und unserer heiligen Kirche zu dienen!«

Dann verließ der Geistliche das Zimmer und ging durch den Garten bis zur Kirche und betrat diese, sie war leer, in einer Ecke lag zusammengewundenes Grün und Blumen, grellbunte Astern, zartfarbene Balsaminen und starkduftender Lavendel, vermischt mit Birkenlaub und Rosmarin, bestimmt, zu dem morgenden Marientag die Kirche zu schmücken.

Der Propst blieb stehen und sah auf die Blumen nieder. Auch eine Maria war jene gewesen, deren blasses, trauriges Antlitz ihm nicht aus den Sinnen kommen wollte. Eine Maria, eine arme, müde, gequälte Dulderin! Er wandte hastig den Blick von den Blumen und schritt zum Altar, dort kniete er nieder und rang mit sich in stummem Gebet, bis ihn das Öffnen der Kirchthür aufschreckte. Dicht am Eingang kniete ein junges Weib, heiße Zähren rollten ihr über die Wangen; als sie den Priester erblickte, fuhr sie erschrocken zusammen.

»Bist Du es, Valevka? schweres Leid scheint Dich zu bedrücken, bete zu der heiligen Jungfrau, damit Dir Trost werde!« Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihrem Haupt und schritt dann weiter, das Mädchen richtete sich auf und streckte die Hände nach ihm aus, als wolle sie ihn halten, er wandte sich noch einmal um und sie sah in sein strenges Gesicht, das unbeweglicher denn je war. »Willst Du noch etwas, Valevka?«

Stumm bewegte diese verneinend das Haupt und sank in ihre Stellung zurück, Propst Ryback verließ die Kirche, ihm nach klang ein leises, wehes Schluchzen.