Unruhevoll irrte er umher, er hörte kaum darauf, wenn Benjamin ihm frohlockend von dem Anwachsen seiner Gemeinde sprach, ja, er empfand plötzlich ein förmliches Grauen vor dessen Fanatismus, seine Lehre, die einsamen Gottesdienste im Walde, erschienen ihm als Komödie, jetzt, da er gleichsam in einem anderen Banne stand, erkannte er das Unklare und Verworrene in Benjamins neuem Glauben. In Stunden der Ernüchterung, in denen er erwachte aus dem Fieber seiner Liebe, ergriff ihn heiße Angst um den irregeleiteten Freund, um sich selbst, er sah dann den Abgrund, an dem sie beide standen, Benjamin, verstrickt in seine verworrenen Lehren, er, im Bann der Leidenschaft. Dann dachte er voll tiefer Sehnsucht an das stille Dorf auf dem Sande, mit seinem Frieden, an das schlichte, keusche Mädchen und an die klugen Augen Vater Abrahams, dann faßte er den Entschluß, Benjamin zu bewegen, mit ihm heimzukehren; dann sah er wieder die Gräfin oder er ging hinunter an den See, und vergessen waren all seine guten Vorsätze, mächtiger denn je loderte die Flamme in seinem Herzen auf und beherrschte seine Sinne.
Benjamin bemerkte wohl des Freundes innere Kämpfe. Michael war auch im Grunde eine zu wahrhaftige Natur, um erfolgreich Komödie spielen zu können, und so lag seine Seele bald offen vor dem Freunde da. Dieser, der nur eine Leidenschaft, ein Ziel kannte, seine Lehre zu verbreiten und dadurch gleichsam ein Herrscher zu werden, hatte nur Verachtung für diese weibische Schwäche, wie er es nannte. Statt dem Freund als Freund zur Seite zu stehen, dessem schwankenden Charakter eine Stütze zu sein, griff er zum Spott; mit beißendem, höhnischem Spott überschüttete er diesen, zog seine Liebe zu Jusia Potocka in den Staub und erreichte gerade dadurch, daß Michael sich im Trotz von ihm abwandte, und verbittert über das geringe Verständnis, das er fand, sich immer tiefer in seine Schwärmerei verstrickte.
»Weißt Du auch, daß übermorgen auf dem Schloß ein Ball stattfindet, es nimmt mich Wunder, daß sie Dich nicht eingeladen haben,« spottete Benjamin, indem er Hut und Stock nahm, um sich zum Fortgehen zu rüsten.
Michael schwieg, er ließ des Freundes Hohn ruhig über sich ergehen und las anscheinend eifrig weiter.
»Nun, kommst Du nicht mit, Du fehlst jetzt beinahe immer bei den Andachten, natürlich, Gräfinnen sind nicht dabei und nach Bauerndirnen sieht mein vornehmer Freund wohl nicht?«
»Schweig, Benjamin,« fuhr Michael auf, »warum ich nicht zu den Andachten komme, ahnst Du sehr wohl, weil ich eingesehen habe, daß Du mit Deinen phantastischen Lehren, mit Deinen Utopien, daß Ihr alle auswandern wollt und in Amerika einen Staat gründen, in dem Ihr als Brüder und Schwestern leben wollt, bloß den Leuten die Köpfe verwirrst. Ja, ich leugne nicht, als ich hierher kam, meinte ich auch, ich würde meinen Heimatgenossen ein Heil bringen, aber ich habe eingesehen, daß sie viel glücklicher sind ohne uns, warum ihren Frieden stören! Laß uns lieber heimkehren, Benjamin, heim nach unserem stillen Dorf, zurück in den Frieden!«
»Nachdem Du Dich sehnst, wie ein Greis, nein, ich will nicht Ruhe, ich will Kampf, gehe Du heim, wenn Dich die Sehnsucht treibt, Du bist ja doch wie ein schwankendes Rohr, ja, gehe heim, setze Dich hinter den Ofen und rede klug; Du bist ein Schwächling! Ein Blick aus Weiberaugen genügt, um Dich plötzlich hellsehend zu machen, um alles, für was Du seit Monaten gekämpft hast, über Bord zu werfen.«
»Nein, mein Benjamin, diese Vorwürfe verdiene ich nicht, seit vielen Monaten fühle ich, daß wir nicht Segen stiften, daß wir nur Unheil anrichten, wir bringen Zerwürfnis in die Familien, Unruhe in die Herzen, ziehen uns Feinde zu und — machen niemand glücklich.«
»Oh, Du weiser Moralprediger, Du,« höhnte Benjamin, »woher kommt Dir so plötzlich Deine Erleuchtung? Hast wohl einen Mahnbrief erhalten aus unserem stillen Sanddorf, und darum der Umschwung Deiner Gefühle?«
Eine jähe Glut stieg in Michaels Gesicht.