»Ja,« sagte er gepreßt, »Vater Abraham hat geschrieben, willst Du lesen?«

»Nein, danke, ich kann mir ungefähr vorstellen, was er schreibt; nun, er ist ein alter Mann, und Alter sehnt sich nach Ruhe, aber Du bist in der Kraft Deiner Jahre und willst schon vom Kampf zurücktreten, willst feige das begonnene Werk verlassen, und alles um eines Weibes willen? Ja, fahre nur auf, es ist doch so, ich ahnte es an dem Tag, an dem die blonde Hexe hier eintrat und vor mir zusammenschrak, wie vor einem giftigen Reptil, da sah ich es kommen, da wußte ich, daß Dein Schwur an Tabea nur leerer Schall war. Du zuckst zusammen, das Wort trifft Dich, denn es ist wahr, gehe Du nur heim, vielleicht ist es besser so!«

»Ja, ich gehe auch heim, ich sehne mich nach der Stille im Sanddorf, aber nicht allein, komm mit mir Benjamin, ich will die harten Worte, die Du mir soeben gesagt hast, vergessen; laß uns wieder Brüder sein, wie einst, reich mir die Hand und komm mit mir zurück zur Heimat!« Er war aufgesprungen und streckte flehend dem Gefährten die Hand hin, aus seinen Augen leuchtete die alte Innigkeit.

Mit heiserem Auflachen wich Benjamin zurück: »Ach so, nun soll eine Versöhnungskomödie aufgeführt werden, zu was die Heuchelei, Bruder, Freund, als ob man Freunde sein kann, wenn man sich haßt. Und ich hasse Dich, Du brauchst mich nicht anzustarren, als wäre ich wahnsinnig, ich hasse Dich, denn Du bist mir im Weg. Längst habe ich es eingesehen, bei Deinen Schwärmeraugen, Deiner Reckengestalt vergessen die Weiber sich und kommen zur Betstunde, vor mir aber weichen sie zurück, wie damals die holde Gräfin; aber ich will nicht immer der Zweite sein, hörst Du, nicht immer vor Dir zurückstehen, ich will herrschen. Mir sollen die Menschen sich beugen, ein Führer will ich sein und meine Lehre muß siegen!«

Mit schriller Stimme stieß Benjamin die Worte hervor, ein verzehrendes Feuer brannte in seinen Augen, sein Gesicht war totenblaß geworden, die Züge in Haß verzerrt, daß Michael unwillkürlich zurückwich. War es nicht ein Wahnsinniger, der da vor ihm stand? Grauen schüttelte ihn und er vermochte keine Antwort zu finden. Aber diese erwartete Benjamin garnicht, spöttisch sah er in das verstörte Gesicht des Anderen und verließ dann rasch das Zimmer, und wenige Augenblicke später knarrte das eiserne Gitter, Benjamin hatte das Haus verlassen.

»Er geht zu seiner Gemeinde, auch hier das Band zerrissen, nun stehe ich bald ganz allein,« dachte der Zurückbleibende mit tiefer Bitterkeit. Dann nahm er noch einmal den Brief zur Hand, der ihn heute aufgerüttelt hatte aus dem schweren Traum der letzten Zeit.

»Mein lieber Sohn,« begann er, »die Tage werden zu Wochen und deren sind schon viele vergangen und vergebens sehen meine alten Augen nach meinen heimkehrenden Söhnen aus. Oh Michael, ich will nicht in Dich dringen, nur bitten will ich, komm' zurück, laßt ab die Hände von Eurem Werk, kehrt zurück in den stillen Frieden unseres Dorfes! Ihr bringt Unruhe in die Herzen Deiner Heimatgenossen, laßt sie in ihrem Glauben, er ist so gut wie der unsere. Sieh', mein Sohn, unser Bekenntnis sagt: ›Wir sollen in Liebe und Frieden mit einander leben, wir sollen auch nicht den Frieden unserer Mitmenschen stören‹ und thut man dies nicht, wenn man die Herzen in Zweifel bringt? Ich fühle aus Deinen kurzen Briefen heraus, daß eine Last auf Deiner Seele liegt, kehr' zurück, vielleicht finde ich mit Gottes Hilfe wieder die Kraft, sie Dir zu erleichtern wie einst. Tabeas Augen sehen so fragend auf das weite Meer, komm, Michael, und löse die Frage!«

Michael ließ den Brief sinken.

»Löse die Frage, oh, wenn ich es noch könnte, aber Du hast recht, Du treuer, alter Warner, ich werde heimkehren zu dem stillen Sanddorf und meine Schuld beichten, oh, Tabea, werde ich Verzeihung finden?«