An dem Tag blieb Michael daheim, er eilte nicht rastlos an den Ufern des Sees entlang, spähte nicht mit heißen Augen hinaus, als draußen ein Wagen rollte, er packte seine Sachen und ordnete alles zu seiner Abreise, die am nächsten Tag stattfinden sollte, er suchte jeden Winkel des kleinen Hauses auf, um Abschied zu nehmen für immer und ging endlich zur Ruh, mit dem festen Vorsatz, mit der sicheren Hoffnung, wieder sein altes Leben zu beginnen.

In der heißen, schwülen Sommernacht aber floh der Schlaf seine Augen, seine kaum zur Ruh' gekommenen Gedanken verwirrten sich, ein verführerisches Bild lockte ihn, er sah blonde, weiche Haare, hörte ein helles, melodisches Lachen und fiebernd vor Sehnsucht streckte er die Arme aus: »Jusia, Jusia!« schrie der Mann in die stille Nacht hinein, seine Pulse hämmerten, seine Stirn glühte, vergessen war der Brief Vater Abrahams, vergessen war die Frage in Tabeas Augen.

Am nächsten Tage reiste Michael nicht ab, »Morgen!« beschwichtigte er die leise mahnende Stimme seines Gewissens, »ich darf kein Feigling sein, ich muß es Jusia erklären, warum ich gehe,« und so blieb er, wieder rastlos umherirrend, aber vergebens, nirgends erblickte er die Geliebte.


In Schloß Lochowo wurde beinahe das Unterste nach oben gekehrt, es herrschte ein heidenmäßiger Wirrwarr, so hatte Herr von Leninski gesagt, als seine Gattin zu Mittag sein geliebtes Rauchzimmer mit Beschlag belegte. »Ich muß hier einige Anordnungen treffen, Marcel, Du mußt Dir heute schon einen anderen Platz suchen,« hatte sie mit lieblichstem Lächeln gesagt, er hatte ihr galant die Hand geküßt und war seufzend von dannen gegangen.

Sein Rauchzimmer, sein Tuskulum, in das er sich manch liebes Mal vor Frau Halinkas Liebenswürdigkeiten und vor den Gedanken an fällige Zinsen geflüchtet hatte, um hier, bei einer Havanna und einem Gläschen Ungarwein die Sorgen des Lebens zu vergessen, auch das wurde hineingezogen in den gewaltigen Umsturz. Wie Ahasverus zog er nun umher, in dem weiten Schlosse ein stilles Plätzchen zum ungestörten Nachdenken zu finden. Stille Plätzchen gab es genug, kühle, lauschige Zimmer, die eben nur kühl und lauschig waren und sonst auch nicht das geringste Möbelstück aufwiesen, das einem müden Körper zum Ruheplatz dienen konnte.

Gerade als er seufzend in den Park wandern wollte, um in einer Hängematte die ersehnte Ruhe zu finden, traf er Maria und diese wußte Rat, in dem linken Seitenflügel befand sich ein Zimmer, in dem ein altes Ledersopha, ein Tisch und ein mächtiger Flickkorb ein gemütliches Trio bildeten; hier saß Maria manche Stunde, um Risse und Löcher kunstvoll zusammen zu nähen und hier fand Herr Marcel die Ruhe, an dem aufregenden Tag des Balles. Als ihn Maria verließ, lag er auf dem Sopha und blies behaglich blaue Rauchwolken in die Luft und hielt Selbstgespräch: »Wenn der Kerl, der Doktor auch eine arme Frau, hm, eine sehr arme Frau bekommt, einen Schatz erhält er doch an ihr, ich denke beinahe, mein größtes Wertstück.«

Endlich war alles so weit, ein Teil der Gäste war bereits eingetroffen und hatte sich, die Toiletten zu ordnen, in die Fremdenzimmer zurückgezogen. Frau Halinka rauschte in silbergrauer Seide durch die Säle und nickte wohlgefällig zu den Anordnungen, die Maria getroffen hatte, sie rückte hier eine Vase zurecht und schob da einen etwas verschossenen Sessel mehr in den Schatten und warf im Vorbeigehen huldvolle Blicke ihrem eigenen Spiegelbild zu.

»Es ist nicht so leicht, so ein Fest zu arrangieren,« wandte sie sich an Jusia, die neben ihr herschritt, »aber ich habe in meiner Jugend in Paris gute Studien gemacht, so glänzend wie die dortigen Feste waren, ist es ja in unseren einfachen Landverhältnissen nicht herzustellen, ich denke aber doch, ich lege mir Ehre ein.«

»Gewiß,« pflichtete Jusia bei, »ich muß gestehen, gnädigste Frau, ich bin entzückt von den Arrangements, bewunderungswert, wie alles, was Sie thun,« im Stillen dachte die Sprecherin: »wäre die künftige Doktorsehefrau nicht gewesen, ich hätte die Verwirrung sehen mögen!«