»Vater, lieber, lieber Vater,« wie ein Hauch nur klangen die Worte, ein leises, friedliches Lächeln verklärte das Gesicht des Todwunden, »ach, nun ist alles gut — mir ist so wohl — Tabea — Vater — ich —« die Augen schlossen sich wieder, immer leiser wurde der Atem — ein kurzes Röcheln — ein Ruck ging durch die Gestalt — die Hand, die der Alte in der seinen hielt, wurde eiskalt. —
»Michael, mein Sohn,« mit einem Aufschrei brach der Vater neben dem Toten zusammen, er preßte seine runzelige Wange an die eiskalte des Sohnes, er umklammerte krampfhaft dessen Finger, er küßte die kalten Lippen und weinte. —
Am Himmel war strahlend das Frührot aufgeflammt, die ersten Laute erwachenden Lebens drangen in das stille Sterbezimmer, aber der alte Mann, der dort Totenwache hielt, saß zusammengebrochen bei der verlöschenden Lampe und sah nicht den Schimmer des jungen Tages. Erst als ein Wagen vor dem Hause hielt, ein rascher, junger Schritt: sich dem Zimmer näherte, fuhr er auf, er strich sich mit der Hand über die Augen und ging gebeugt, mit müden Schritten, dem eintretenden Arzt entgegen.
»Sie kommen zu spät, Herr Doktor,« sagte er mit klangloser Stimme, »es ist vorbei!«
Der Arzt trat rasch näher. »Ja, ich komme zu spät,« bestätigte er, »ein schrecklicher Fall, der Mann, der mich holte, hat mir berichtet.« Er neigte sich über den Toten und untersuchte die Wunde. »Verblutung, der Mann wäre bei sofortiger Hilfe wohl noch zu retten gewesen, ich komme in Wahrheit zu spät!«
»Zu spät,« wiederholte der Geistliche, immer mit derselben tonlosen Stimme, »wir kommen oft zu spät im Leben und der Tote hat nun den Frieden.«
Teilnahmsvoll betrachtete Dr. Werner das Gesicht des alten Mannes. »Sie sind sehr erschüttert, Herr Propst, stand Ihnen der Verstorbene nahe?«
»Ja, sehr nahe,« sagte der Alte mit seltsam wehem Lächeln, sanft über die Stirn des Toten streichend, »ich habe ihn lieb gehabt, aber ich kam auch zu spät!«
Beinahe gleichgültig beantwortete er dann noch einige Fragen des Arztes. Als dieser sich bald verabschiedete, nahm er dessen Hand in die seine und sagte: »Sie sind verlobt mit Maria von Leninska, Gott segne Ihren Bund und bewahre Sie vor dem Zuspät, noch einmal, Gott segne Sie!« Er drückte dem Überraschten die Hand und ging ohne ein weiteres Wort in sein Zimmer zurück, dort setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb ein Entlassungsgesuch, er sei alt und müde seines Amtes.