Durch die Luft zog ein Ton, ein melancholischer, dünner Glockenklang.

»Die Totenglocke,« sagte Kasia, »sie begraben wohl den Wisniewski, Papa hat doch Recht behalten, sie haben ihn erschlagen. Aber mein Himmel! Jusia, was fehlt Dir, bist Du krank, Du siehst erschreckend blaß aus?«

»Nichts, danke, danke,« wehrte Jusia die besorgte Freundin ab, »es friert mich nur!« Sie schauerte zusammen trotz der sengenden Sonnenhitze und preßte die Hände an die Ohren. »Ich kann diese Töne heute nicht vertragen, sie klingen so disharmonisch, bitte, Kasia, sage dem Kutscher, er soll schneller fahren, ich will fort, so rasch wie möglich.«

»Wirklich, Jusia, Du bist krank, Du siehst furchtbar elend aus, wollen wir umkehren?«

»Nein, nur fort, fort, schau mich nicht so entsetzt an, Kleine, ich bin nervös, weiter nichts, und Eure Glocke ist so entsetzlich verstimmt.«

Der Kutscher hob die Peitsche, immer rascher fuhr der Wagen dahin, immer entfernter klang der melancholische Laut, bis er zuletzt dem eilenden Wagen nicht mehr zu folgen vermochte; aber Jusia Potocka hörte ihn noch, als längst Lochowo hinter ihr lag.

Auf der staubigen Dorfstraße entlang trugen sie Michael Wisniewski zur letzten Ruhe; wer irgend konnte, ging mit, that es doch Propst Ryback selbst, also mußte der Tote wohl versöhnt im alten Glauben gestorben sein, denn sonst würde der Propst doch nicht als Geistlicher mitgehen. Benjamin Jakobeit fehlte im Trauergefolge, er war am Tag nach Michaels Tod abgereist, wohin wußte niemand. Die Leute erzählten sich flüsternd, daß er sich geweigert hätte, die Propstei zu betreten, und verlangt, der Tote sollte in sein eigenes Haus gebracht werden, aber der Propst hatte es nicht geduldet, und so war Benjamin fortgezogen, wie die Leute sagten, nach Amerika, ohne noch einmal den toten Freund gesehen zu haben. Das Haus mit dem blühenden Garten stand verwaist.

Auf dem kleinen, halbverwilderten Dorfkirchhof hatten sie dem Toten das Grab bereitet an der Seite seiner Mutter. Die Totenglocke läutete mit ihrem müden, zitternden Klang, als Propst Ryback an das offene Grab trat und mit leiser Stimme ein Gebet sprach.

»Ruhe in Frieden, Michael Wisniewski, in dem Frieden, den Du vergeblich gesucht unter heißen Schmerzen auf dieser Erde, wir alle sind arme, irrende, fehlende Friedenssucher, stille Kämpfer auf dieser Erde, ach, rechne uns unser Fehlen nicht an und nimm uns auf in Deinen Frieden, Du barmherziger Gott,« sagte der alte Mann am Schlusse des Gebetes mehr zu sich, als zu den Leuten, die in stumpfer Gleichgiltigkeit dabei standen und kaum den Sinn der Worte erfaßten.