Die stille, sinnige Frau litt schwer unter der rohen Herrschsucht ihres Gatten, der sich bald nach ihrer Verheiratung dem Trunke ergab.
Es waren wüste Scenen, die Michael aus seiner Kindheit in der Erinnerung geblieben. Polternd und fluchend kam der Vater oft heim und es geschah nicht selten, daß er sich dann an Weib und Kind vergriff. Schweigend ertrug die Mutter alles, sie fand nie ein Wort der Erwiderung auf die rohen Schimpfreden des Mannes. Michael erinnerte sich, wie sie sich nach solchen Auftritten oft mit ihm in eine Ecke geflüchtet hatte und wie dann die heißen Mutterthränen sein Haupt überströmten. —
Eines Tages fand man sie bewußtlos am Boden liegend, schreiend warf sich der Knabe über sie und versuchte, sie durch Liebkosungen zu erwecken. Noch einmal schlug sie die scheuen Dulderaugen auf und »Friede, ach Friede, der Propst soll kommen,« murmelten die Lippen und ihr Kind traf ein Blick so herzzerreißend in seinem Jammer, seiner Liebe, daß er sich dem Knaben unvergeßlich einprägte; dann ging ein Recken durch den Körper und sie war tot.
Aus der Schenke holten sie den Mann, der fluchend sein Weib noch im Tode schmähte, bis er endlich einschlief. Neben der toten Mutter und dem seinen Rausch ausschlafenden Vater saß der Knabe und hielt Totenwache und grübelte über die letzten Worte der Mutter nach, bis sich ihm eine Hand auf die Schulter legte und eine ernstfreundliche Stimme sprach: »Armes, armes Kind!«
Der Knabe sah auf und blickte in das Gesicht des Propstes Ryback, dem Geistlichen des Dorfes, in dessen Zügen ein eigener, liebevoller Ausdruck lag. Da vergaß Michael die ehrfürchtige Scheu, die er stets vor dem Geistlichen gehegt; er legte seinen Kopf an dessen Brust und weinte seinen heißen, jungen Schmerz an dem Herzen des Priesters aus.
»Ich habe Deiner Mutter gelobt, Dich zu hüten, für Dich zu sorgen,« sagte der geistliche Herr, mit der Hand das Haupt des schluchzenden Knaben streichelnd. »Vertraue mir, ich verlasse Dich nicht, und der Segen Deiner Mutter ist mit Dir.«
Von jener Stunde an war Michael der Schützling des Propstes, sein Vater hatte schnell eingewilligt, daß dieser die Erziehung des Knaben leiten sollte. Sonderbarer Weise ging der Vogt seinem Sohne aus dem Wege und es kam nicht mehr vor, daß er sich an dem Jungen vergriff.
Schon da die Mutter noch am Leben war, hatte Michael wenig mit den anderen Knaben verkehrt, nun er aber der Schützling des Propstes geworden, nahm er eine ganz besondere Stellung im Dorfe ein.
»Er wird ein Propst«, dies Wort gab ihm einen höheren Rang vor den anderen, es schützte ihn, isolierte ihn aber auch. Das kleine, verwaiste, sich nach Liebe sehnende Herz des Knaben schloß sich nun ganz in schrankenloser Hingabe seinem Lehrer an, und es war, als würde auch der Propst in Gegenwart des Knaben ein anderer.