Tief senkte sich die Dämmerung schon nieder, als er die Dorfstraße erreichte. Vor den niedrigen Hütten saßen die Frauen schwatzend beisammen; in einer großen Pfütze mitten auf der Straße patschten die nur halb bekleideten Kinder umher, und ihr Lachen und Schreien erfüllte die Luft.
Aus dem Kruge aber drang wüster Lärm, und Michael hastete, schnell daran vorbeizukommen, ihm war in seiner weihevollen Stimmung mehr denn je das tierische Brüllen der Betrunkenen zuwider.
Zwei Männer kamen gerade über die ausgetretene Schwelle des Wirtshauses gestolpert, und mit jähem Schreck erkannte Michael in dem einen seinen Vater. Auch der Betrunkene hatte ihn bemerkt und lallte:
»Michael, Goldsohn! kommst gerade recht, wir haben auf den künftigen, gnädigen Herrn Propst getrunken.« Dabei machte er eine Bewegung, als wolle er des Sohnes Rock küssen, verlor aber das Gleichgewicht und taumelte ihm in die Arme. Sein heißer, nach Fusel riechender Atem schlug demselben ins Gesicht. Blitzschnell tauchte da ein Bild vor des Sohnes Augen auf, die Mutter klaglos des Vaters Mißhandlungen erduldend.
Zorn und Ekel stiegen siedend heiß in ihm auf, es flimmerte vor seinen Augen; dieser Niederschlag war zu plötzlich auf die Hochflut seiner Gefühle gekommen.
»Weg,« keuchte er, dem Trunkenen einen Stoß versetzend, daß er rücklings zu Boden fiel.
Michael achtete nicht darauf, er eilte davon, denselben Weg, den er gekommen war, bis er wieder vor dem Muttergottesbilde anlangte und hier bitterlich weinend niedersank. Er umklammerte das hölzerne Bildwerk und flehte und klagte, warum, er wußte es selbst kaum, ihm war nur, als müßte er sich retten vor dem Schmutz, den er soeben geschaut.
Wie lange er so gelegen, er wußte es nicht, mit schmerzender Stirn erhob er sich endlich und schlug langsam, mit schweren Schritten, den Weg nach dem Dorfe wieder ein.
Je näher er dem Vaterhause kam, desto schwerer erfaßte ein unnennbares Angstgefühl seine Seele. Es war eine klare Mondscheinnacht und in dem zitternden, silbernen Licht lag der Weg hell vor ihm, und in diesem weißen Licht konnte er deutlich sehen, daß Menschen vor dem kleinen Hause standen. Als er näher kam, sah er auch, wie sie vor ihm zurückwichen, die Weiber sich bekreuzigten und die Männer ihn mit finsteren Blicken maßen. Es hätte kaum der rötlich brennenden Wachskerzen bedurft, das Mondlicht zeigte es ihm schon; da drinnen in der Stube das Lager, auf diesem der Mann, den er Vater nannte, die Hände über der Brust zusammengefaltet, die Augen offen, mit stierem Blick auf den Sohn gerichtet, die starre Ruhe des Todes über der Gestalt.