Zwei Pfund im Monat!... Das erschien ihm ungeheuer viel, und in der That konnte ein Kind seines Alters so viel ja kaum erwarten.
»Ich danke Eurer Herrlichkeit, sagte er. Ich nehme das Anerbieten an und werde mich bemühen, Sie nach Kräften zufriedenzustellen.«
Mit Zustimmung der Marquise noch desselben Tages unter die Schloßbediensteten aufgenommen, sah sich Findling eine Woche später schon zu der verantwortungsreichen Stellung eines Grooms des Erben der Piborne's erhoben.
Den armen Birk hatte sein Herr während der sieben Tage noch nicht am Hofe – natürlich des Schlosses – vorgestellt, denn er fürchtete für ihn einen ungnädigen Empfang.
Der Graf Ashton besaß nämlich drei Hunde, die er fast so sehr wie sich selbst liebte. In ihrer Gesellschaft zu leben, entsprach seinem Geschmacke und genügte seiner Intelligenz. Es waren Racethiere, deren Stammbaum – wenigstens – bis zur normännischen Eroberung zurückreichte, drei schöne, aber sehr bissige schottische Pointer (Wachtelhunde). Kam ein andrer Hund am Gitterthore vorbei, so mußte er sich schnell davon machen, um nicht von den wüthenden Thieren zerfleischt zu werden, die der Piqueur (Rüdenmeister) zu solchen Großthaten aufzuhetzen liebte. Birk begnügte sich auch, in der Nähe der Wirthschaftsgebäude umherzustreifen und wartete ruhig, bis der neue Groom des Abends kam und ihm etwas Futter zusteckte, das der Findling sich an der eignen Nahrung absparte. Die Folge davon war, daß beide magrer wurden. Ei was, es würden ja auch wieder bessere Tage kommen, wo sie sich auf Vorrath mästen konnten.
Jetzt begann für den Findling, dessen traurige Geschichte wir erzählen, ein Leben, das sich von dem bisher geführten wesentlich unterschied. Ohne von den bei der Hard und in der Ragged-School verbrachten Jahren zu sprechen, zeigte seine Lage, nur im Vergleich zu der in der Farm von Kerwan, doch eine große Veränderung.
Bei der Familie Mac Carthy zählte er zum Hause, unbelastet von dem Joch der Knechtschaft. Hier im Schlosse galt er für nichts. Der Marquis betrachtete ihn als Almosenbecken, in das er monatlich zwei Pfund Sterling legte, die Marquise als ein kleines Vorzimmerhündchen, und der Graf sah ihn für ein Spielzeug an, das man ihm, sogar ohne die Ermahnung, es nicht zu zerbrechen, geschenkt hatte. Scarlett endlich hatte sich gelobt, ihm durch fortwährende Chicanen seine Abneigung fühlen zu lassen, und dazu fehlte es nicht an Gelegenheit. Selbst die Diener betrachteten das heimatlose Kind, das Lord Piborne in das Schloß Trelingar aufgenommen hatte, für tief unter ihnen stehend. Leute von gutem Herkommen haben einmal ihre Einbildung, ihren Stolz einer lange eingenommenen Stellung, und es paßt ihnen nicht, mit solchen Gestalten von der Landstraße her in einen Topf geworfen zu werden. Bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten ließen sie das Findling auch fühlen, wo es nur anging. Dieser ließ darum keine Klage laut werden; er antwortete nicht und that gewissenhaft seine Pflicht, wenn er auch nach Ausführung der letzten Befehle seines Herren mit großer Erleichterung nach seinem besondern Kämmerchen hinaufging.
Inmitten so vielen Uebelwollens fand er doch eine Frau, die sich seiner annahm. Es war das nur eine Wäscherin, namens Kat, die, jetzt im Alter von fünfzig Jahren, von jeher auf der Piborne'schen Domäne gelebt hatte und hier voraussichtlich ihr Leben beschloß, wenn sie der Verwalter Scarlett nicht fortjagte – was er übrigens schon versucht hatte, da sie ihm etwas verhaßt war. Ein Vetter des Marquis, Sir Edward Kinney, offenbar ein sehr geistreicher Herr, behauptete, daß die Kat schon zur Zeit Wilhelms des Eroberers am Waschzuber gestanden habe. Die Frau ließ sich jedoch durch nichts beirren. Sie besaß ein vortreffliches Herz, und Findling schätzte sich glücklich, bei ihr Trost für manches Ungemach zu finden.
Oft plauderten beide, wenn der Graf Ashton einmal allein vom Hause weg war. Und wenn der Groom von dem Verwalter oder einem andern Diener angelassen worden war, dann ermahnte die Kat den Knaben:
»Nur Geduld, mein Sohn! Kümmere Dich nicht um ihre Redereien. Der beste unter ihnen ist nicht gar viel werth, ich wüßte wenigstens keinen, der das Portefeuille zurückgegeben hätte!«