Vielleicht hatte die Wäscherin damit Recht, denn die gewissenlosen Leute erklärten Findling wegen seiner Ehrlichkeit nur für einen Einfaltspinsel.

Der Groom war dem Grafen Ashton also gewissermaßen als Spielzeug geschenkt worden, und wie ein launenhaftes, eigenwilliges Kind amüsierte sich der junge Graf auch mit ihm. Meist ertheilte er ihm ganz sinnlose Befehle und widerrief diese dann ohne Grund. Zehnmal in der Stunde klingelte er ihn herbei, um das oder jenes in Ordnung oder in Unordnung zu bringen. Er hieß ihn die große oder die kleine Livrée anlegen, mit hunderten von Knöpfen, wie die Knospen an einem Rosenstock im Frühsommer. Ihn so zwanzig Schritte hinter sich her marschieren zu lassen, wobei die Hände auf der Naht der Beinkleider liegen mußten, und nicht nur in den Straßen der Ortschaft, sondern auch in den Alleen des Parks, das war für den eitlen Grafen das allergrößte Vergnügen. Findling unterwarf sich allen Launen, er gehorchte wie eine Maschine ihrem Führer. Man hätte ihn nur sehen sollen, wie er mit fest gekreuzten Armen vor dem Pferde seines Herrn wartete, bis dieser in den Sattel stieg, oder wie er hinter dem in tollem Galopp hinsausenden Cabriolet sich an das zusammengeschlagene Wagenverdeck klammerte, wenn sein Herr damit über Stock und Stein jagte, oder gelegentlich einen Menschen umriß, wofür das Gefährt des Grafen Ashton in Kanturk schon bekannt war.

Abgesehen davon, daß er sich allen Thor- und Tollheiten seines Herrn zu fügen hatte, war Findling nicht eigentlich unglücklich. Das ging voraussichtlich so lange, wie jenem das neue Spielzeug gefiel. Bei dem unberechenbaren jungen Gentleman war freilich jede Ueberraschung möglich. Kinder bekommen ihr Spielzeug schließlich zum Ueberdruß und werfen es weg, wenn sie's nicht gar zerbrechen. Findling war freilich fest entschlossen, dergleichen von sich abzuwenden.

Seine Stellung im Trelingar-castle betrachtete er nur als Nothnagel und lebte der Hoffnung, daß sich ihm schon noch eine bessere bieten werde. Sein kindlicher Ehrgeiz strebte höher hinauf, als nach den Obliegenheiten eines Grooms. Die Verneinung seines eignen Ich gegenüber diesem Erben der Piborne's, dem er sich überlegen fühlte, erniedrigte ihn. Ja... überlegen, obwohl der Graf Ashton noch immer Unterricht in Latein, Geschichte u. s. w. genoß und seine Lehrer sich redlich bemühten, ihm wenigstens einige Kenntnisse einzutrichtern. Sein Latein blieb aber doch »Hundelatein« (die englische Bezeichnung für unser »Küchenlatein«) und seine Geschichtskunde beschränkte sich auf das, was er im »goldenen Buche« der Pferdegeschlechter gelesen hatte.

Kannte Findling nun auch diese schönen Dinge nicht, so verstand er es doch mit zehn Jahren, zu denken, zu überlegen. Er schätzte jenen Sohn der Familie nach seinem richtigen Werthe und erröthete manchmal über die Dienste, die er ihm leisten mußte. Wie bedauernd erinnerte er sich dann der stärkenden, heilsamen Beschäftigung auf der Farm, seines Lebens inmitten der Mac Carthy's, von denen er noch immer keine Kunde erhalten hatte. Die Wäscherin im Schlosse war und blieb das einzige Wesen, dem er sich anschließen konnte.

Uebrigens bot sich bald Gelegenheit, die Freundschaft der guten Frau zu erproben.

Hier sei noch angeführt, daß der Proceß mit dem Kirchspiele von Kanturk zu Gunsten der Familie Piborne ausgefallen war, doch nur, weil diese die von Findling abgelieferten Documente dabei in die Wagschale zu werfen vermochte. Was der Knabe gethan, war jetzt freilich vergessen, warum also hätte ihm dafür ein besondrer Dank gebührt?

Mai, Juni und Juli waren vorüber. Birk hatte, so gut es anging, sein Futter erhalten. Das Thier schien zu verstehen, daß es sich vorsichtig verhalten mußte, um in der Umgebung des Schloßparks unentdeckt zu bleiben. Findling hatte schon dreimal seine zwei Pfund Sterling eingeheimst, die in seiner Agende auf der Einnahmeseite gebucht standen, während die Ausgabenseite noch leer geblieben war.

Im Laufe dieser drei Monate hatten Lord und Lady Piborne nichts anderes zu thun, als Besuche zu empfangen und zu erwidern, und allerlei Höflichkeiten mit den Schloßbesitzern der Nachbarschaft auszutauschen. Hierbei drehte sich die Unterhaltung natürlich meist um die Lage der irischen Landlords. Da fielen recht grimmige Worte über die Ansprüche der Pächter und der Landliga, über den dreiundsiebzigjährigen Gladstone und über Parnell, den man an den höchsten Galgen wünschte. So verlief ein Theil des Sommers. Dann pflegten Lord und Lady Piborne nebst ihrem Sohne gewöhnlich eine mehrwöchige Reise, meist nach den schottischen Besitzthümern der Marquise, zu unternehmen. Dieses Jahr sollte sich der Ausflug nach einer andern Seite lenken, die von der großen Welt bevorzugt und von den Trelingarer Herrschaften noch nicht besucht worden war. Es handelte sich nämlich um die herrliche Gegend der Seen von Killarney, wohin am 3. August aufgebrochen werden sollte.

Findlings Hoffnung, infolge dessen eine Zeit lang dienstfrei zu werden, ging nicht in Erfüllung. Da Lady Piborne ihre Kammerfrau Marion und der Marquis seinen Leibdiener John mitnahm, mußte der Graf Ashton doch auch seinen Groom bei sich haben.