Wenn Findling das zuerst nicht begriff, so verstand er es doch, als Bob sich etwas weiter erklärt hatte.
Dieser beabsichtigte nämlich, den Thierchen gegen Entgelt die Freiheit zu geben. Mit den zwitschernden Vögeln im Käfig wollte er unter die nicht weniger zwitschernde Schaar von Kindern am Strande der Seebäder treten, die gewiß gern bereit waren, den oder jenen der Gefangenen Bobs für einige Pence loszukaufen; ist's doch so reizend, einen Vogel lustig davonfliegen zu sehen, wenn man für ihn das Lösegeld bezahlt hat.
Bob zweifelte gar nicht an dem Erfolge seiner Speculation und auch Findling erkannte die praktische Idee des Kleinen an. Ein Versuch kostete ja so gut wie nichts. So wurde also ein Käfig gekauft, und Bob war von Wicklow kaum eine Meile weit weg, da hatte er diesen schon voller Vögel, die unruhig darin umherflatterten.
In den zahlreichen Badeorten, die jetzt viele Gäste hatten, ließ sich das Nebengeschäft sehr gut an. Während Findling seine Waaren vertrieb, erweckte Bob mit dem Käfig in der Hand das Mitleid der jungen Gentlemen und der jungen Misses für seine hübschen Gefangenen. Unter lautem Jubel der Kinder flogen die freigekauften Vögel davon; der Käfig wurde bald leer und die Tasche des findigen Knaben bald voll von den dafür vereinnahmten Pence.
Jetzt freute er sich desto mehr über seinen einträglichen Gedanken und berechnete jeden Abend diesen besondern Gewinn, ehe derselbe der Gesammteinnahme zugeschlagen wurde.
Beide Knaben befanden sich, immer längs der Küste nach Dublin hinaufwandernd, am Nachmittage des 9. Juli in Bray, das nur noch etwa fünfzehn Meilen von Dublin entfernt und am Fuße eines zu der Gruppe der Wicklow-Mounts gehörigen Vorgebirges liegt, das von dem dreitausend Fuß hohen Lugnaquilla überragt wird.
Dank dieser bezaubernden Lage übertrifft es hierin sogar Brighton an der englischen Küste. So urtheilt wenigstens Fräulein de Bovet, die bei ihrer Beschreibung der Schönheiten der Grünen Insel einen sehr feinen, künstlerischen Geschmack erkennen läßt.
Ganz Bray besteht nur aus schönen Hôtels, blendend weißen Villen und zierlichen Landhäusern und zählt im Sommer mit den Badegästen gegen sechstausend Bewohner. Die Straße bis Dublin ist fast ohne Unterbrechung von hübschen Landsitzen umrahmt. Bray steht mit der Hauptstadt auch durch einen Schienenweg in Verbindung. Dieser verschwindet nicht selten unter den hereintreibenden Dunstmassen vom Meere, das schäumend in die enge, nach Süden zu durch ein schroffes Vorgebirge abgeschlossene Bai von Killiney fluthet. Wie überall auf der Smaragdenen Insel finden sich auch bei Bray zahlreiche Ruinen: hier die Ueberreste einer alten Benedictinerabtei, dort eine Gruppe sogenannter Martellothürme, die im 13. Jahrhundert zur Küstenvertheidigung dienten. Erklimmt man den Abhang des Caps, so kann man mittelst guten Fernrohres und bei günstiger Witterung die Umrisse der Waliser Berge jenseits des Irischen Meeres erkennen. Findling erfreute sich jedoch an dieser Aussicht nicht, einmal weil er kein Fernrohr besaß, und dann, weil er Bray unerwartet schnell verlassen mußte.
Auf dem sandigen, von den Wellen weithin überspülten Strande tummeln sich sehr viele Kinder, ebenso wie längs der »Parade«, d. i. des Molos von Bray. Hier treffen die kleinen pausbäckigen und rothwangigen Reichen zusammen, deren Leben nur ein ununterbrochener Sonnenschein war, Knaben, die die Ferienzeit genießen, und Mädchen, die sich unter der Aufsicht ihrer Mütter und Erzieherinnen belustigen. Man wäre jedoch nicht in Irland, wenn – selbst hier in Bray – nicht das darbende Elend durch eine Rotte zerlumpter Jungen vertreten gewesen wäre, die den Tang am Ufer durchwühlten.
Die ersten drei Tage waren – was den Handel der Knaben betraf – recht ergiebig, so daß der Karren sich beinahe leerte. Sein Inhalt bestand auch aus Dingen, die den fremden Kindern viel Vergnügen versprachen, aus billigen, reichen Gewinn abwerfenden Spielwaaren. Mit den Vögeln Bobs wurde ebenfalls hübsches Geld verdient. Von früh vier Uhr beschäftigte sich dieser mit dem Fange, der seinen Käfig meist schnell füllte. Am Nachmittage drängte sich dann die jugendliche Kundschaft, ihn wieder zu entleeren. Immerhin durften Findling und Bob ihr Reiseziel Dublin nicht aus den Augen verlieren; sie freuten sich ja auch gar zu sehr darauf, den »Vulcan« dort vor Anker und Grip auf seinem Posten zu finden, Grip, von dem sie nun schon seit mehreren Monaten ohne jede Nachricht waren.