Er hatte über eine halbe Stunde gearbeitet. Die Ausbeute davon bestand in einigen Ringen ohne großen Werth, von denen er jedoch bisher nichts gewußt — — dann in einer Locke von hellbraunem Haar, besonders sorgfältig in ein kleines Medaillon gelegt, welches man auf dem Herzen tragen kann... die Locke konnte wohl von Edmund sein — aber sie konnte auch einem Andern gehören. — Ferner: zwei Briefe folgenden Inhalts:
„Ich habe sehr angelegentlich mit Dir zu sprechen und muß es noch heute. Bestimme der Ueberbringerin eine Stunde.“
Kein Datum, keine Unterschrift.
Das war sehr verdächtig; denn welcher ehrliche Mensch unterschreibt heutzutage ein Billet nicht? — Es war freilich möglich, daß die Eile und der Umstand, daß Cölestine die Schriftzüge kannte, dies unnöthig gemacht habe, und unter diesen Verhältnissen konnte das Schreiben ebenfalls von Edmund sein.... Allein wer verbürgt diese Alternative? —
Der andere Brief war länger und wo möglich noch verrätherischer. Er lautete:
„Seit Deiner Verheirathung — lebst Du für mich nicht mehr, meine geliebte Cölestine.... und doch ist es nicht denkbar, daß dieser Mann allein Dein Herz ausfüllen könnte. Hast Du meiner denn ganz und gar vergessen? — So wisse, daß meine Seele fester als je an Dir hängt! Ach würde uns nicht das mächtigste Band unzertrennlich mit einander verknüpfen, wo Du auch sein magst, wo ich auch weilen möge: wahrlich, ich würde glauben, gänzlich aus Deinem Gedächtnisse ausgelöscht zu sein. Doch so ist dies nicht möglich! — Magst Du es wollen oder nicht — wir gehören uns für immerdar an. Darin liegt mein süßer Trost. Leb’ wohl — ich werde Dich morgen küssen! —“
Auch keine Unterschrift; doch schien sie hier wie zufällig weggerissen zu sein.
Von wem war dieser verliebte, eifersüchtige Brief? — Es war nicht schwer zu errathen. — Von einem älteren Liebhaber, der seine Ansprüche noch nicht aufgab. — — Diese Züge hatten so viele Aehnlichkeit mit einer Hand, welche Alexander schon irgendwo ein Mal gesehen! Aber wo? — Auch sie schienen sehr eilig hingeworfen.... Eben darum aber konnte man nichts mit Bestimmtheit annehmen....
Der unglückliche Gatte glaubte nun einen Beweis in Händen zu haben, einen Beweis, der weder zu deuten noch umzustürzen war.... Er suchte sich mit einer Art wollüstigen Wahnsinnes darin zu bestärken, daß hier nicht mehr gezweifelt werden könne — ja mit demselben wollustvollen Wahnsinn sträubte er sich sogar gegen jede fremde Auslegung, gegen jede genauere Untersuchung... Er fürchtete sein Unglück zu schmälern! —
Denn so ist der Mensch im Leiden. Ein riesiges, ein außerordentliches Weh erscheint ihm willkommener, als jene tausend kleinen Schmerzen und Unannehmlichkeiten des gewöhnlichen Lebens.... Es ist als ob im Kampfe mit dem Ersteren ein göttlicher Theil unserer Natur, der sonst schläft, erwachte, als ob ein höheres Bewußtsein in uns erstände, das uns unser schweres Unglück tragen hilft — während wir hier allein unter der Last des Tages keuchen und niedersinken.