Aus dem Boudoir begab er sich in das Arbeitszimmer seiner Frau. Welche Ausbeute hoffte er wieder hier nicht zu finden! — Mit lautem Lachen, welches ein Fremder für den Ausbruch heiteren Frohsinns genommen hätte, — vergrub er sich hinter allen Möbeln, in allen Cartons, Körbchen — er stürzte Tische, Stühle um — zerlegte ganze Schränke.... Ach was fand er da nicht Alles! Ihm erschien jetzt, so weit war es mit ihm schon gekommen — eine Stickerei, die für einen Mann paßte, ein buntes Tuch — ja ein Faden Seide zureichend.... um daran die möglichst bösartigen Auslegungen zu knüpfen. O wie jubelte er über seinen neuen Fund — wie packte er ihn sorgfältig zu seinem übrigen Krame! —

Jetzt betrat er einige Nebengemächer — — in einem fand er ein leeres Stück Papier, welches wie ein Briefumschlag gefaltet war, jedoch ohne auch nur einen Buchstaben, ohne ein Stückchen von einem Siegel zu enthalten. Was schadet das? — sagte er zu sich. Man hat schon Briefe unter solchen Couverts abgesendet — — und überdies scheint dieses an der Stelle, wo sonst das Siegel aufgedrückt wird, durchstochen; ein Beweis, daß der Brief mit einer Stecknadel zusammengeheftet war. — Haha! Eine sehr beliebte Art bei Frauen...

Ferner noch zwei wichtige Indicien! — Im Gesellschaftssalon war auf einem Teppich — die Spur eines männlichen Fußes abgedrückt — und wiewohl sie eben so gut einem Bedienten, der herbeigerufen wurde, wie jedem andern Manne gehören konnte — schloß unser Gatte dennoch:

„Sie gehört einem Liebhaber!“

Nahe am Fenster auf einem Stuhl lag ein Lorgnon seiner Frau. Was sollte hieraus sonst gefolgert werden, als: „sie sah durch das Fenster auf die Straße — nach ihm — nach dem Liebhaber....?“

Mein Gott, dieser Graf hätte heute einem Tollhäusler zum Muster dienen können. Der albernste Einfall erschien ihm als die reinste Vernunft. Er mochte wohl recht stolz sein auf seine geistvollen Einfälle!

Um die Zeit, da Cölestine das Schlafgemach zu verlassen pflegte, war er mit seiner Entdeckungsreise zu Ende. — Er hörte jetzt ihre Tritte, die sich dem Zimmer, in welchem er, um auszuruhen, sich niedergelassen hatte, sich näherten — und bald darauf trat sie ein. Alexander empfing sie mit einer Liebenswürdigkeit, welche meisterhaft gespielt sein sollte. Sie war es vielleicht auch — Cölestine jedoch nahm sie für Wahrheit — denn was sollte sie sonst — nach einer Nacht, wie die vergangene? — Das süße Weib fiel diesem Menschen, welcher einer kalten schönbemalten Bildsäule glich, mit ihren noch von Liebe heißen Armen um den Hals — stumm, wortlos, stillbeglückt... Er seinerseits brach dies Schweigen auch nicht — und so war es zuletzt an ihr, ihm die ersten Tagesgrüße zuzurufen: „Theurer Mann!“ sagte sie und sah ihn mit Blicken an, aus welchen Himmel strahlten: „Theurer, einziger Mann — wie lieb’ ich Dich! — So bist Du heute wieder mein, wie Du gestern es gewesen! — ja Du bist mein, ich fasse Dich, ich halte Dich in den Armen — — ewig, ewig werden sie Dich als ihr süßestes Eigenthum umklammern. — Allein, sprich — was hast Du schon Alles verrichtet?.. warum mich so früh verlassen? — Ach, ich Schläferin.... und ich fühlte Dich im Traume immer an meiner Seite! — Da schlug ich die Augen auf: — da griff ich mit der Hand nach Dir — da fühlte ich eine leere, kalte Stelle... und der holde Traum war entflohen... Ach warum hast Du mir das gethan? Welcher Seligkeit hast Du mich beraubt! Welches Verlangen brannte beim Erwachen in mir, an Deine Brust zu sinken!.... Vergebens! vergebens! — — Da sprang ich auf, entfloh der treulosen Stätte, die mich um mein schönstes Glück gebracht — — ich lief Dir nach — und so kam ich hierher... wo ich Glückliche Dich endlich wieder finde. —“

Er gab sich ihren Liebkosungen bereitwillig hin — ja er erwiederte dieselben zärtlich und warm; das arme Weib schien sich in Lust zu berauschen — sie vergoß eine Fluth entzückter Thränen — ihr weißer Busen wogte heftig, voll süßen Schmerzes — voll wehmuthsvoller Zärtlichkeit.

„Und nicht wahr,“ begann sie sich zu sammeln und trocknete mit ihrem Battisttuche, woran breite Spitzen hingen, die feuchten Augen, — „nicht wahr, mein Alexander, Du bleibst heute bei mir? Diesen Tag verlässest Du mich nicht? Du schenkst ihn ganz Deinem Weibe — Deiner Liebe. — Hast Du ihn mir doch gestern vom frühen Morgen zum späten Abend entzogen!... Nun, rede doch, mein geliebter Mann. Rede! Sprich: Ja! Hörst Du, Alexander!“

„Theure Cölestine —“ antwortete er mit bebender Stimme und einem sonderbaren Blick, mit welchem er sie seit langer Zeit verstohlen anblickte, dieser Blick aber schien jetzt von Trauer umflort: — „Cölestine,“ wiederholte er: „ich weiß nicht, ob es bei mir steht, Deinen Wunsch zu erfüllen.... Du kennst die Verantwortung nicht, welche ich dadurch vor meinen Obern auf mich nehme....“