Er hatte noch nicht ausgesprochen, als ein neuer Fall, den man wirklich Fall nennen konnte, sich ereignete; Edmund hatte nämlich seine Beine so weit ausgestreckt, daß ein Aufwärter, welcher eben mit einer Platte voll Confituren und Getränken vorübereilte und die sehr vernünftige Absicht hatte, auszuweichen — so unvernünftig war, es ein wenig allzu rasch thun zu wollen — solchergestalt mit seiner Platte hinfiel und den ganzen Inhalt der Gläser auf Edmunds Beinkleider und Althings Stiefel ausgoß — das Uebrige vermälte sich mit dem Staube auf dem Boden und wurde von zwei herbeieilenden Knaben und drei Hunden in friedfertiger Weise getheilt. Edmund lachte wie toll über das, was er „Impromptu“ nannte — hingegen war Althing über die Vertilgung des Glanzes auf seinen Stiefeln so untröstlich, daß er dem unseligen Aufwärter nicht nur einen Schimpfnamen nach dem andern — sondern zum Beschluß auch noch einen Tritt auf einen gewissen Theil des Körpers versetzte; eine Mode, die in Wien eben nicht ungewöhnlich ist, während man dergleichen Divertissements der großen Herrn in dem ganzen übrigen Europa bereits längst abgeschafft hat.

Die Unterhaltung erhielt demnach eine bedeutende Lücke, wenigstens in ihrer conversationellen Seite; das war jedoch Keinem angenehmer als unserm bleichen, melancholischen Freunde, unserm armen Freunde Leuben, der, während hier Alles lachte, auch nicht einmal das Gesicht verzog.

„Alle Donner!“ schrie Althing — „ich bin für diesen Augenblick ruinirt; meine Toilette ist hin! Und es ist doch ein so wichtiger Augenblick.... Jene kleine Brünette! — Jene, die ich schon besiegt hatte, kraft der Gewalt meiner Physiognomie, — wer weiß, ob sie nicht Anstoß nimmt an ungewichsten Stiefeln! O nichtswürdiger Marqueur! Dummkopf von einem Aufwärter — ich könnte Dich —“

Mittlerweile hatte Edmund dem armseligen Marqueur, dem all dies Unglück galt und der da stand vor seinen zerbrochenen Tassen und Gläsern wie Niobe, die ihren verfolgten Töchtern nachsieht, — diesem Unglücksmanne hatte der leichtfertige Edmund eine Banknote zugeworfen, die wohl den dreifachen Werth des Schadens enthalten mochte und daher ein ganz respektables Schmerzensgeld war. Der Unglücksmann verbeugte sich bis zu seinem Bauche und würde sich noch tiefer verbeugt haben, hätten ihn seine geschundenen Glieder daran nicht gehindert.

„Nun, bist Du zufrieden?“ rief Edmund.

„Vollkommen!“ versetzte der Kerl: „Wenn Euer Gnaden wieder ein ander Mal schaffen[A], so brauchen Sie mir’s nur sagen zu lassen. —“

Diese Replik versetzte Alles in heitre Laune, so daß sogar Leuben eine Anwandlung davon bekam; erst jetzt erwiderte er den Gruß Edmunds; doch plötzlich blieb sein Auge mit einem heftigen fieberhaften Ausdrucke auf demselben haften und ein leises Zucken der Lippen schien die gewaltsamen Gedanken, welche sich gerne in Worten Bahn brechen wollten, anzuzeigen.

„Was haben Sie, mein bester Leuben?“ fragte der Andere: „Was ist Ihnen? Sie sind heute bei sehr schlimmer Laune, wie ich merke — und ich finde deshalb den Einfall köstlich, sich dieselbe gleich am Morgen mit Champagner zu vertrinken.“

„O“ fiel der alte Dicke ein: „dieser Champagner hat etwas ganz Anderes zu bedeuten. Es ist ein Versöhnungstrank — eine Libation; denn wir hatten ein Rencontre, bevor Du kamst — und wenig fehlte, so hätten wir einander die Hälse gebrochen.“