„Nun?“

„— So reden Sie mit Edmund und fragen ihn, wie er es bei sich verantworten kann, seinen alten Freund Wollheim, seinen Lehrer und Führer in den edlen Künsten des Ritterthums — seit vier Wochen mit keinem Auge angesehen zu haben...“

Wir wenden uns jetzt von diesem Vorspiel des Drama’s ab.

Seit etwa einer Viertelstunde war Cölestine wieder von einem Kreise jener intimeren Freunde des Hauses umgeben, die sich zu dieser Würde größtentheils aus eigener Machtvollkommenheit zu erheben pflegen. Nicht nur Gräfin Wollheim — Fräulein Eugenie von Bomben — Frau von Rabenstein und Andere, deren Namen weder die Blätter der Weltgeschichte noch die gegenwärtigen je nennen werden — — sondern sogar Frau von Porzenheim, die edle und obligate Mitlacherin ihres Mannes, gehörten hierher, saßen neben Cölestine und deren Mutter. — Der Graf, ihr Gemahl, hatte in der Nähe, doch so, daß sie ihn nicht im Auge behielt, einen Sitz eingenommen und unterhielt sich hier mit einigen Herrn über Staatsgeschäfte und die neuesten Zeitungsnachrichten. Er schien ganz Aug und Ohr für seine Gesellschaft — während er doch so achtsam, als hätte er neben seinen zwei Menschenaugen die tausend kleinen der Insekten gehabt, den ganzen Salon überwachte, so daß ihm hier nichts entgehen konnte. —

Dieser Mann war in der Kunst des Lauschens, wozu er vermöge seiner mißtrauischen Natur die besten Anlagen zur Welt mitgebracht hatte, bereits zu jenem hohen Grade gekommen, welcher seinem Besitzer eine Art dämonischer Gewalt verleiht, vermöge deren er eine Sache nicht einmal zu sehen braucht, um sich von ihrem Zustande zu überzeugen.... er fühlt, er ahnt, er schaut, wie der Clairvoyant, mit geschlossenen Augen Alles.

In dem Augenblicke, als Herr von Marsan eintrat, hatte Alexander eben über einen Gegenstand gesprochen, der seine volle Aufmerksamkeit erforderte — und dennoch verrieth es ihm ein magnetisches Gefühl, daß der Chevalier hier sei. —

Indeß blieb er dabei ruhig, kalt, theilnahmlos im Aeußern — und nur ein Blick, den er später so rasch, daß Niemand ihn gewahrte, nach seinem Nebenbuhler warf, sollte ihn überzeugen, ob er richtig gefühlt habe. — Wider Erwarten näherte sich ihm jetzt Dieser mit Edmund und Beide nahmen in seiner Nähe Platz. „Dies ist,“ dachte er bei sich: „eine Schicksalsfügung welche ganz in meine Intention paßt, so daß ich die Götter heute zum ersten Male in meinem Leben preisen muß, mir einen wirklichen Dienst erwiesen zu haben.“ — Alexander hatte sehr gut bemerkt, daß, so oft sich zwischen Marsan und Cölestine noch ein Dritter oder, wie hier, eine ganze Gesellschaft befand, Jener seinen glühenden Blicken einen ehrfurchtsvollen Ausdruck gab. Dies, rief Alexander bei sich — soll blos das heilige Pilgerkleid sein, unter welchem sich ein Mörder mit Dolch und Gift verbirgt —; — so will ich ihm denn den Weg abkürzen und die Arbeit erleichtern.... den Moment der Ausführung rascher herbeiführen. — Dann soll er entweder entlarvt werden — oder aber das Opfer, welches für mich keinen Werth mehr hat, mag verbluten — zum Aase werden, auf welches Tags darauf sich die Raben setzen.

„Herr von Marsan,“ sagte er nach mancherlei Hin- und Herreden zu dem Chevalier — „ich weiß nicht, ob Sie mir erlauben, eine Bitte an Sie zu stellen, welche Ihnen vielleicht an sich sonderbar vorkommen wird, es jedoch durch die nähern Umstände, die mich dazu veranlassen, nicht ist. Sie erzählten so eben eine hübsche Anekdote aus der Zeit Ihrer Anwesenheit im südlichen Frankreich — diese Begebenheit nun ist mir selbst einmal in der Schweiz arrivirt, und so wahrscheinlich ich dieselbe auch stets der Gräfin, meiner Frau, zu machen suchte — sie wollte mir niemals glauben. In diesem Falle fertigte sie mich stets mit dem gewiß sehr vernünftigen Satze ab: es giebt keine Geister, keine Gespenster, selbst die Kinder glauben nicht mehr daran. — Da Ihr Zeugniß, mein Herr, nun von großem Gewicht ist, würden Sie sich hier ein Verdienst erwerben, wenn Sie mit einigen Worten die Glaubwürdigkeit eines Mannes bei dessen Gemahlin feststellen wollten.“