Die buckligen und anderen Zuhörerinnen aber erhoben sich, und ohne ein Wort zu sprechen, verließen sie die Aspirantin des Giftes der Borgia —
Es mußte wirklich bis zu einem solchen Punkte kommen, um diese Damen zu vertreiben. —
Allein Gräfin Wollheim überdauerte sie alle, vermöge ihrer Gutmüthigkeit und einer Leidenschaft für Strumpfgespräche, die beide, seit die Welt steht, noch nicht da waren.
Indessen, als diese Episoden sich hier zutrugen, rollte anderwärts die Haupthandlung des Abends in ununterbrochener Gleichförmigkeit fort. Die Musik war zu Ende — d. h. jenes Harfenterzett oder Quartett, von dem wir oben gesprochen haben. Jetzt — sollte etwas Neues kommen; eine große brillante Arie aus der jüngsten Oper Donizetti’s, dieses Lieblings der Musen, der es bleiben wird, mögen seine nordischen Eiferer und Geiferer sich und ihre traurigen Federn noch so vollsaugen mit Gift und Galle.[F] — Da die Arie, welche wir meinen, von einer sehr berühmten Dilettantin (Fräulein von G—e—) gesungen wurde, so widmete man derselben die größte Aufmerksamkeit, und einige Augenblicke schien der Geist dieser Versammlung sich nur um die Sängerin zu concentriren. — Dies schien jedoch blos so. Es mochten in so manchen Herzen Dinge vorgehen, die keinen Bezug auf die schöne Sängerin hatten, wiewohl man Blicke und Mienen nur auf sie richtete — wiewohl man nur zu athmen schien, um Worte des Beifalls für sie zu haben. Wo in aller Welt wäre auch eine größere und tiefere Schauspielkunst zu finden, als in den Kreisen jener Gesellschaft, die sich ausschließlich die gute nennt? Mich dünkt — es könnte hier Jemand wissen, daß die nächste Minute die seines Todes sein werde, und er würde, in der vorhergehenden zu einer Polonaise aufgefordert — süß lächelnd entgegnen: „Mit dem größten Vergnügen!“
Diesen Gesichtspunkt müssen wir im Auge behalten, um den Zustand, worin sich in diesem Augenblick eine Person in diesem Salon befand, gehörig zu würdigen. Da saß Cölestine, dieses schöne, junge, reizende Weib und hörte stumm den Tönen der Musik zu. Auf ihrem blüthenreinen — aber auch blüthenbleichen Gesichte malte sich Aufmerksamkeit, Spannung und tiefe Anschauung ab — auf diesem Gesichte, worin sonst nur Lust, Heiterkeit und schalkhafte Koketterie zu lesen war. Jene Mienen schienen mit der herrlichen Musik im Zusammenhange zu stehen — — aber auch hier können wir sagen: daß sie dieses blos schienen. Dieses schwarze, glühende, jetzt durch den seidnen Vorhang der Wimpern halbverdeckte Auge — war zwar auf die Sängerin gerichtet; es sah jedoch nichts von ihr, es sah in sich selbst zurück, in die eigene Brust sah es hinein...
Welche mochten die Gedanken sein, die in dieser Brust sich drängten? — denn sie war voll, überfüllt davon — so daß sie zu überfließen schienen, wie ein allzu voller Becher: O hätte sie das wohl vor einigen Monaten geahnt — in jener Zeit, als sie ihrem Manne aus inniger Zuneigung die Hand reichte? — Ach, damals kannte sie ihn noch nicht! Sie träumte damals von paradiesischen Tagen und hesperidischen Nächten... dies war nun vorbei.... es schien ein Wahn, eine Seifenblase...
Cölestine warf, wie von einem plötzlichen Gedanken beunruhigt, ihren Blick jetzt wieder im Saale umher.... da sah sie den Chevalier neben Edmund, welcher sie erst vor Kurzem verlassen hatte, in einiger Entfernung, an der entgegengesetzten Wand stehen — und Marsan schien sie mit seinen Augen zu verschlingen... — Er wollte sich ihr schon wieder nähern — — da winkte sie ihm flehend mit beiden Händen.... und er blieb. —
— Diese ganze Scene aber hatte Alexander wieder aus dem Nebenzimmer beobachtet. Noch sah er, daß Edmund versteckt ein Zeichen mit der Hand machte, wobei zwei Finger ausgestreckt waren, wie man die zweite Stunde zu bezeichnen pflegt. —
Der unglückliche Ehemann rief mit Thränen in den Augen vor sich: „Das ist eine Bestellung — um 2 Uhr! Ein Kind müßte es begreifen.“