Gleich darauf verließ Edmund sowohl wie der Chevalier den Saal und sie waren hier heute nicht ferner zu sehen. —
— — Mitternacht nahte heran, als man von allen Seiten sich zum Aufbruch anschickte. — Alexander erschien, um seine Frau wegzuführen; Arm in Arm gelangten beide zu ihrem Wagen. Jedoch glaubte Alexander zu bemerken, daß nicht nur der Arm, sondern der ganze Körper seiner Frau von aller Kraft entblößt war.
Man sprach sowohl beim Einsteigen als auch während der Fahrt kein Wort. Nur in der Nähe ihrer Wohnung erst war es, wo Cölestine wie aus einem tiefen Schlafe erwachte. „Ach! schon zu Hause?“ sagte sie, und er erwiederte eintönig: „Schon zu Hause!“ Hierauf schwiegen sie wieder. Er hob sie aus dem Wagen. — Vor ihren Gemächern verabschiedete er sich von ihr, indem er vorgab, diese Nacht in seinem Studierzimmer zubringen zu wollen.
„Wachend?“ fragte sie.
„Nein, nein; im Schlafe!“ entgegnete er, ergriff ihre Hand, führte sie zu seinen Lippen und wollte forteilen. Aber sie faßte ihn plötzlich, zog ihn zurück, sah ihn einige Augenblicke stumm und mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Schmerz an — preßte sodann seine Hand an ihr Herz und fragte endlich mit matter Stimme: „Warum willst Du die Nacht so fern von mir zubringen, Alexander?“ Und als er schwieg, fuhr sie fort: „Du zürnst mir, Du verdammst mich... Aber ein Gott ist mein Zeuge, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe! — O Alexander, mein Gemahl, ich liebe Dich so innig! Könntest Du in mein Herz sehen!“
Sie wollte noch weiter sprechen, er hatte sich jedoch bereits sachte losgemacht, und noch ein Mal „Gute Nacht!“ wünschend, war er über den Corridor verschwunden. —
— Er betrat, wie er gesagt hatte, sein Studierzimmer, schraubte die Lampe, die hier bereits brannte, höher, warf einige Kleidungsstücke ab und sich in seinen Schlafrock. Sodann verschloß er die Thür, ließ die doppelten Rouleaux vor den Fenstern herab, setzte sich an den Tisch und legte seine Taschenuhr, die sehr verläßlich war, vor sich nieder. —
Er zählte Minute um Minute; es war jetzt nahe an Eins. —
„Noch eine Stunde —“ murmelte er dumpf — „dann ist die Betrügerin entlarvt.... Ja, ich vertraue fest auf die Zeichen, welche ich sah, und auf die Ahnung in meinem Innern, die mir zuflüstert, daß ich das Schrecklichste erst jetzt sehen werde. — — O, mein Gott! womit habe ich es verdient? — Wesen, das Du voll Allmacht und Gerechtigkeit thronst über uns — wo sind hier die Spuren dieser Eigenschaften? — Was habe ich gethan? Ich habe dieses Weib geliebt wie das Blut meines Herzens — wie den Hauch meiner Seele.... und sie, sie vergiftete dafür das erstere und erstickte diesen auf meuchlerische Weise. — Soll das die Dankbarkeit sein, welche Du Deinen Kreaturen einimpfest? dann freilich entsprechen sie genau Deiner Liebe und Gerechtigkeit, deren Ausfluß sie ja sein sollen.... Doch genug! — Ich will harren und das tödtliche Gift bis zum letzten Tropfen einschlürfen!.... Ich will die Stunde erwarten.... sie ist nicht mehr fern.“
Er legte sein Haupt in die offene Hand, welche er auf den Tisch stützte, und versank in einen Abgrund entsetzlicher Träume. Nur ein an Allem, auch dem Letzten und Höchsten, Zweifelnder und Verzweifelnder kann so träumen.