— — Endlich richtete er den Blick auf die Uhr. Der Zeiger stand gerade auf Zwei. Wild fuhr er vom Sitze auf und rannte nach einem Schranke, aus welchem er ein Kästchen von Sandelholz, mit Perlenmutter und emaillirtem Silber ausgelegt, hervorholte. Er stellte es auf den Tisch und schloß es auf. Zwei Paar Pistolen lagen darin, eine von ihnen lud er und steckte sie zu sich — dann stellte er das Kästchen wieder an seinen Platz, löschte die Lampe aus und verließ das Zimmer. —

In dem Augenblicke, als er den Fuß vor die Thür setzte, fiel ihm ein, daß er vielleicht gar zu spät kommen könnte. Er schalt sich, nicht vor der Stunde aufgebrochen zu sein, denn noch wußte er ja nicht den Ort, an welchen er sich begeben sollte.

Er sann einen Augenblick nach, dann ging er rasch, aber mit leisem Schritte hinab zu dem Portier, weckte den guten Mann, der bereits längst wohlgemuth in einem thurmhohen Federbette schnarchte, und fragte ihn, ob er vor Mitternacht keine Person aus- oder eingehen gesehen habe, die ihm verdächtig, unbekannt oder verkleidet schien. Der brave Mann in seinem Federbette versetzte, daß ihm nichts dem Aehnliches vorgekommen wäre. Schon wollte Alexander fortgehen — als der brave Mann aus seinem Federbette plötzlich auffuhr, rufend: „Halt! gräfliche Gnaden verzeihen gehorsamst .... jetzt fällt mir ein — oder vielmehr es kommt mir so vor... als sei so zwischen 11 und 12 Uhr ein Herr rasch hereintreten, durch den Thorweg geeilt — und ehe ich ihn anrufen konnte, im Hofe verschwunden. — Leider ging die Hauptlampe heute früher aus wie sonst — — und es war dort pechfinster, trotz der andern kleinen Lämpchen, gräflichen Gnaden aufzuwarten. — Ueberdies dacht’ ich bei mir: wer weiß, wer der Herr ist! ’s kann auch Jemand aus dem Hause sein; Nachts sind alle Kühe schwarz....“ So schloß der Portier, welcher, wie man sieht, ein wahres Muster seiner Zunft war. —

Alexander aber war bereits fortgeeilt.... er schlug den Weg zum Schlafzimmer seiner Frau ein. — Ein wildes Fieber schüttelte seine Glieder, als er hier anlangte. — Er hatte bisher alle Thüren leise geöffnet — an diese legte er zuerst sein Ohr an, um zu horchen.

Nichts war zu hören, auch nicht die Athemzüge einer Schlummernden. — Er trat vorsichtig ein, näherte sich dem Bette Cölestinens — tastete — — fand es leer.

Doch konnte nicht gezweifelt werden, daß sie noch kurz vorher darin gelegen habe. — Es war am untern Ende noch warm von den Füßen...

Das Gefühl, welches bei dieser Entdeckung des Armen Herz durchschnitt, ist nicht zu beschreiben. Er säumte jedoch nicht lange und ging weiter. Wohin aber sollte er sich zuerst wenden? War sie nicht im Schlafgemache, wohin sonst sollte sie sich zu dieser Stunde begeben haben? — Etwa aus dem Hause hinaus. Dies schien nicht wahrscheinlich — und überdies stimmte diese Annahme nicht mit jener von dem Herrn überein, in welchem Manne Alexander keinen Andern als den Chevalier vermuthete. Was — vermuthete? — Wußte! muß gesagt werden; denn er hätte für diese Ueberzeugung sein Leben hingegeben. —

Es fiel ihm ein, nach dem Arbeitszimmer seiner Frau zu gehen, da dieses sehr einsam und mit den Fenstern nach dem Garten zu lag. Um jedoch dahin zu gelangen, mußte er an Cölestinens Boudoir vorüber gehen. Als er in dessen Nähe gelangte — fiel ein Lichtschimmer nicht größer als ein kurzer Seidenfaden auf einen seiner Füße — — es hätte ein Blitzstrahl sein können, er hätte ihn nicht fester an den Platz gebannt. — Jetzt glaubte er ein heftiges Flüstern zu vernehmen — das mit einem Male abbrach — und bald darauf wieder anhob — sogar von einem leisen Schluchzen unterbrochen. —

Er konnte nicht länger zweifeln. Dies hier war der Schauplatz des Verbrechens. —