Drittes Kapitel.
Die Trauung.
Der Vermählungstag erschien. Noch immer hatten die Neider und Nebenbuhler sich geschmeichelt, er werde hinausgeschoben und so durch irgend einen der zahllosen unberechenbaren Zufälle, auf die der Mißgünstige hofft — endlich gar vereitelt werden. Aber nichts von dem Allen geschah. Es war mit diamantenen Buchstaben in dem Buche des Lebens geschrieben: Cölestine sollte Alexanders Gemahlin sein.
Als man nun nichts mehr dagegen thun konnte, ergab man sich ins Schicksal — jedoch mit einer Hölle im Herzen. —
Das Palais des Herrn von Randow lag in der —straße, innern Stadt. Man nennt diese und noch eine Straße vorzugsweise die: aristokratischen, weil sie aus einem Aggregat hochadeliger Wohnungen bestehen. Es ist das Quartier: St. Germain Wiens, wiewohl im verjüngten Maßstabe, da viele der größten Paläste der haute volée in der ganzen Stadt zerstreuet stehen.
Seit vielen Jahren hatte im Palaste der Randow kein so reges Treiben geherrscht, wie am heutigen Tage. Es ging und kam, es lief und rannte Alles, was der Bewegung fähig war. Vom Haushofmeister herab bis zu dem letzten Küchen- und Stalljungen hatten die Domestiken alle Hände voll zu thun. Die Gänge, die Vorsäle, der Hof, Küche und Keller — hier wimmelte es von Menschen und menschenähnlichen Geschöpfen.
Dagegen herrschte im Innern der Gemächer eine feierliche grandiose Stille, wie denn ein kommendes Ereigniß von höhern Menschen immer mit kalter Ruhe erwartet zu werden pflegt.
Im großen Familiensaale stand die geschmückte Braut an der Seite ihres Bräutigams, umgeben von ihren Angehörigen und einigen Freunden — und harrte des Augenblickes, der sie an die Stufen des Altars führen würde. Die Trauung sollte in der Hauskapelle vollzogen werden und man erwartete nur das Zeichen zum Aufbruch.
Cölestine war ein wenig blässer als gewöhnlich und hierauf beschränkte sich die ganze Veränderung ihrer Gestalt. Man konnte gewiß auch nicht das leiseste Zeichen von Alteration auf ihrem Gesichte bemerken — und der Blick, mit welchem sie, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, auf Alexander verweilte, war fest, mild und heiter. Es schien, als ob ein namenloses Glück in ihr Herz eingezogen sei, von welchem sie jedoch der Welt nichts verrathen wollte, da man nur insgeheim wahrhaft glücklich ist.
Wenn man dann noch den Grafen, ihren Bräutigam, anblickte, so mußte uns anfangs die Aehnlichkeit, welche sich in der Seelenstimmung dieser beiden Personen aussprach, lebhaft überraschen — und man konnte nicht umhin, sich zu gestehen: diese Beiden sind in der That für einander bestimmt. Graf Alexander stand in diesem Augenblick mit gleichem ruhigen Bewußtsein an ihrer Seite und auch er schien mit seinem Glück vollständig abgeschlossen zu haben. Doch jenes Leuchten, welches wie der Blitz momentan durch sein dunkles Auge zuckte, jedoch nur so selten, daß es kaum Jemand bemerkte, sprach von einer Lust, die wilder bewegt war, als sie es schien.
Nur wenig von dem Allen fiel den Eltern Cölestinens auf. Ihre Zufriedenheit über das Geschick ihrer geliebten Tochter war so groß, daß ihr Augenmerk nur in diesem Kreise verweilte und nicht fähig war, selbst zu verwandten Dingen hinaus zu treten. Eine freundlichere Greisengestalt, wie die des Generals von Randow, konnte man sich nimmer vorstellen; es war in ihr jene Mischung von adeligem und militärischem Ritterthume vereint, die man auf den Bildern der Condé’s und ähnlicher Heldenfamilien so gerne erblickt; hiezu kam noch ein unvertilglicher Zug von Herzensgüte, die, wie wir wissen, ein Eigenthum aller Familienglieder der Randow bildete — und die überdies auch sonderbarer Weise ein Attribut fast aller heroischer Charaktere ist und war. — Die Mutter Cölestinens, aus einem deutschen Hause entsprossen, war eine der sanftmüthigsten und zartsinnigsten Seelen — ein wahrer, echter, niemals getrübter Tugendspiegel, das Muster einer Gattin und Mutter. Seit einiger Zeit lebte sie nur in und für diese einzige Tochter, und die Thränen, welche sie zum ersten Male im Leben vergossen hatte, waren Freudenthränen über Cölestinens Glück.