Die Lebensweise des jungen Ehepaars war im Aeußeren ein Bild voll Jugend, Anmuth, Einfalt und Glückseligkeit. So ist die Zeit der ersten Gattenliebe immer. — — Cölestine war nicht getrennt von ihrem Manne; ihre beiderseitigen Zimmer wurden durch zahlreiche Thüren und jene süßen geheimen Gänge verbunden, welche die Liebe erfunden hat. — Von den Verwandten und Freunden des Ehepaars war es schön, daß sie während der ersten Wochen seine Einsamkeit nicht störten. In der That, es hatte noch kein fremder Fuß diese Schwelle entweiht, welche den geheiligten Mysterien der ersten Gattenliebe geweiht war. — Wenn Er und Sie früh erwachten, fanden sie einander in ihren Armen, so wie sie Abends sich umschlungen hatten — dann erhoben sie sich Beide, um auf einige Augenblicke Abschied von einander zu nehmen.... Sie gingen in ihre Ankleidezimmer — das einfachste Gewand wurde gewählt — nur um keinen der kostbaren Momente zu verlieren, die sie zusammen genießen konnten. — Alexander bot jetzt seiner Frau den Arm und führte sie in den Garten, über welchen eben der heranrückende Sommer das entzückende Kleid der Blätter, Gräser und Blumen ausbreitete. Schon winkten trauliche Boskets — doch nicht belaubt genug, um in sich dieselben wie in eine undurchdringliche Freistätte zu flüchten. Alexander las seiner Gemahlin aus einem Buche vor und wovon handelte dieses Buch? Von — glücklicher Liebe. — Diese war für sie übrigens allenthalben vorhanden, wohin sie auch immer ihre Blicke wandten. Sie fanden diese glückliche Liebe bei den Blumen, die einander umschlangen, und im Bache, wo eine Welle in die andere hinüberfloß — sie fanden sie am Himmel, wo die Sonnenstrahlen sich mit den kleinen Wölkchen eines schönen Tages vermählten und diese zärtlich vergoldeten — — sie fanden sie auch in den Vöglein unter den Wolken, welche da die Luft durchzogen und einander zärtlich verfolgten, sich dann auf einen Zweig niederließen und zusammen sangen.... ja sie fanden diese heilige und beseligende Liebe überall im Himmel und auf Erden, ja selbst zwischen diesen beiden; denn jener mit seiner blauen Decke umschlang diese in ihrem bräutlichen Festgewande, und sie streckte ihm durch die Bäume und Aeste ihre blühenden Arme entgegen. —

Aber wo wäre auch Liebe nicht? Hat man sie ja tausend Mal den Gottesodem genannt, der das Universum durchweht.

Und als nun die Stunde erschien, in der früher die Liebenden, da sie noch nicht sich selbst sondern der Welt gehörten, sich aufmachen mußten, um im schalprunkenden Staate dem Götzen der Gesellschaft zu dienen — als jene traurige Stunde erschien, in der man Besuche gibt und empfängt bei und von Leuten, die für unsere Herzen eben so fremd sind wie alltäglich für unsere Augen — Leute, welche uns verleiten, mit ihnen im Verein einen Dienst der Lüge zu begehen, der unsere Seele verhärtet und unsern Geist verderbt — — der uns immer mehr von uns selbst und unserem geheiligten Innern ablenkt — — um diese Stunde nun saß jetzt das junge Paar noch immer beisammen und lebte noch immer für sich und pflanzte und bewirthschaftete den Baum des Glückes, dessen Wurzel ihre beiden Herzen waren — und unter dessen Laub sie still und vergnügt wohnen — von dessen Früchten sie dankbar essen sollten. —

Auch beim Mittagstische fanden sie einander wieder — und widmeten die nächsten Stunden dann gewöhnlich einer süßerquickenden Ruhe. Gegen Abend verließen sie entweder zu Wagen oder zu Fuße das Haus und begaben sich hinaus in die freie Natur, wo sie gleich Kinder, auf den Wiesen umherhüpften, einander neckten, verfolgten, bis zum Rande des Flußes liefen, hier bunte Steinchen, Muscheln und Wasserblumen suchten — — auch wohl einen Kahn bestiegen und sich hinüber auf die einsame Insel rudern ließen, wo sie, nachdem sie die Dienerschaft zurückschickten, mit dem Bedeuten, erst nach einigen Stunden wieder zu kommen — diese Zeit wie Einsiedler durchlebten; wie Robinson. — Sie gaben sich hier dem unmittelbaren Naturgenusse hin, dessen erhabene Süßigkeit ein gewöhnliches Herz nicht zu fassen fähig ist. —

Abends im Sternenschimmer und im Silberscheine des Mondes fuhren sie sodann auf dem Flusse zurück und verlängerten, wenn es ging, immer diese Fahrt. — Rings um sie herrschte das tiefe Schweigen der Nacht und langsam stiegen im Umkreise die Wassergeister aus der Fluth und umgaukelten den Kahn — setzten sich auch wohl mit ihren luftigen, neblichten Gliedern auf den Rand desselben und glotzten das liebende Paar neugierig aus kristallenen Aeuglein an; — dann, wenn die Gatten sich umarmten oder küßten — hüpfte das Wasservölkchen schnell wieder in ihre nasse Heimath zurück, indem es ein leises Gekicher zurückließ, das sich mit dem Rudergeräusch vermählte. —

Mitternacht war längst vorüber und noch fuhren oft die jungen Gatten auf dem Wasser, oder wandelten in Auen, Wiesen und Wäldern; und überall, wo sie sich nur immer befanden, schien ihnen das bunte kleine Völkchen der Kobolde, Elfen und anderer Naturpüppchen zu folgen. — — Man sagt, dies begegne allen glücklichen Menschen. Elfen und Gnomen strömen gerne dahin, wo Freude herrscht — so wie Dämonen und schlimme Geister sich stets an die Ferse des Elends und Unglücks hängen. —

Ja, Cölestine und Alexander fanden sich nicht selten noch unter freiem Himmel, da auf diesem bereits die ersten Lichtstreifen der Morgensonne sich ausbreiteten. — Ach, sie hatten sich aber auch so Vieles zu sagen, wozu daheim im Hause der Raum zu beengt war. Warum suchen Liebende und Unglückliche so gerne die Einsamkeit? Weil das Glück wie das Unglück nur verstanden und mitempfunden wird von der Natur. Die Welt hat für unsere mittleren Zustände allein Raum — für die kleinlichen, bürgerlichen, philisterhaften, katzenjämmerlichen Freuden und Leiden; was drüber hinaus geht, was über die Höhe der Marktpfähle und Schlagbäume reicht — das muß draußen zwischen Himmel und Erde verhandelt werden.

Das Gemüth Alexanders war weich und sanft geworden wie das eines jungen Mädchens; er war nicht mehr jener düstere, stolze, verschlossene Mann, der mit Niemand verkehrte als mit seinem Amte und seinem einsamen Hochmuthe — — dieser Alexander schmiegte sich jetzt an alle Freuden des Lebens an, sofern sie nur in seiner Liebe zu Cölestine begründet waren. — Er wäre um dieses Weibes willen Alles geworden, was sie wollte. — Sie hingegen, sie blieb sich gleich, nur daß sie das rauschende Sonntagskleid der Welt abgelegt und ein einfaches weißes der Poesie und Häuslichkeit angezogen hatte. Sie war noch immer das heitere, fröhliche, neckische Wesen mit den schwarzen, brennend funkelnden Augen und den tiefrothen Lippen, die sich so gerne zur Lust verzogen.... sie war noch immer jenes leichte, erregbare Wesen, fern von Melancholie oder Schwärmerei, einfach, natürlich und fröhlich. — Indessen hatte doch das Gefühl der Gattenliebe durch ihr ganzes Wesen einen Ton durchklingen gemacht — sanfter als alle andern, die bisher in ihrem Herzen wohnten. Es war dies jener Ton, den die Liebe allein nicht hervorbringen kann — jener Ton, worin schon ein mütterliches Gefühl spricht. —

„Weißt Du, mein guter Alexander,“ sagte sie eines Tages zu ihrem Manne, als sie im Garten beisammen saßen — „daß ich mit jedem Tage, ja ich könnte sagen mit jeder Stunde Dich mehr liebe! — Bist Du gar so liebenswürdig oder entfaltet die Sehnsucht meines Herzens sich in immer mehr gesteigertem Maße? — — Ich habe Dich nun, ich habe Dich allein, ich glaube Dich ganz zu besitzen, und doch enthüllt mir jeder Augenblick, daß im vorhergegangenen Du mir noch nicht so vollständig angehörtest, wie jetzt. — O, eine solche Liebe ist ein großes Glück! Niemand begreift sie, der sie nicht erfahren hat.“

„Und geht es mir nicht ebenso, Geliebte meines Herzens?“ entgegnete er, sie an seine Brust drückend — ihre Lippen, ihre Augen, ihre Stirne, ihren Hals, ihre Schulter, ihre Arme und Fingerspitzen küssend — —: „Ist meine Liebe zu Dir etwa weniger fortschreitend? Mein Gott, kommt es mir doch in manchen Augenblicken vor — als seien wir zwei zu nichts Anderem in der Welt, als um unser Wesen immer tiefer in einander zu versenken, eine stets innigere Vereinigung zu bewirken. Was ist die Liebe doch so Unendliches und Geheimnißvolles! Wer hat sie noch ergründet in allen ihren Tiefen und Schätzen? — Darum aber lass’ uns auch immer uns lieben — jede Spanne Zeit dazu anwenden, uns in diesem göttlichen Beruf immer mehr zu vervollkommnen. Vielleicht, daß diese Stufenleiter des Liebesglücks jener Himmel mit seinen Rangstufen ist, von welchem unsere Dichter und frommen Weisen so begeistert reden... vielleicht, daß dies dieselbe Stufenleiter ist, auf deren untersten Sprossen wir standen, als wir zum ersten Male uns sahen — auf deren oberen die seligen Cherubim und Seraphim wohnen, auf der obersten aber der allmächtige Gott selber thront. —“