Edmund, der in diesem feierlichen Momente eintrat, wurde von dem Anblick, der sich ihm hier bot, erschüttert, so daß auch er, ohne ein Wort zu sprechen, hinstürzte neben die Knieenden, die Hand der Mutter sowohl wie die der Schwester ergriff und sie abwechselnd an Herz und Mund drückte.... Dann schloß Cölestine den Jüngling in ihre Arme und nun konnte auch er seine Thränen nicht mehr zurückhalten: er vermischte sie mit denen der beiden Frauen.
Niemals noch hatte er so selig geweint.
In diesem Kreise waren nur zwei Augen trocken, die Alexanders, aber sie deuteten, auch trocken, auf eine, wenn auch stille, doch eben so tiefe Wehmuth — als von welcher die übrigen Herzen erfüllt waren.
„So bist Du nun ganz glücklich, meine Schwester!“ begann Edmund in jenem innigen, wunderbar gerührten Tone, welchen er für Niemand sonst in der Welt, als für sie hatte: „Du bist glücklich! — Und so weißt Du: daß auch ich es bin. — Ja, in der That, ich habe niemals Deine lieben Augen von so sanfter Zufriedenheit, niemals Deine holden Wangen von so heiterem Roth strahlen sehen, wie in diesem Augenblick; und nie, nie, Cölestine, warst Du so schön! — O, wie glücklich wird Dein Mann sein in Deinem Besitze! — Tausende werden ihn beneiden — wie Fürsten einen König beneiden, der in seiner Krone eine Perle besitzt, die an Glanz und Werth die Summe aller der ihrigen übertrifft.... — Doch Alexander hat Dich auch verdient! Ja, ja, er war der Edelste unter seinen Mitwerbern — und so gönne ich Dich ihm.“
Diese Worte waren für den Grafen nicht ohne Bitterkeit; allein was ein romaneskes, schwärmerisches Bruderherz in seinem schrankenlosen Enthusiasmus verbrochen, das suchte die Schwester bei dem geliebten Manne ihrer Wahl wieder gut zu machen. Sie wandte sich mit einer Zärtlichkeit, deren Wahrheit jeder Athemzug ihrer Brust bestätigte — zu Alexander und überhäufte ihn mit Beweisen von Liebe, dergleichen sie ihm sonst nur, wenn sie allein waren, widmete. Sie schien es gänzlich zu vergessen, daß sie nicht ohne Zeugen seien.
Alexander verstand diese zarte und großmüthige Rücksicht: er fand in ihr einen hinreichenden Ersatz für die Unbill, welche er zuvor erfahren — und ein zärtlicher Blick dankte seiner Gattin dafür.
Da trat rasch und überraschend auch noch der alte General ein; er fand alle so heiter und gemüthlich, wie er sie brauchte:
„Allons Kinder!“ rief er „fliegt mir an den Hals! — Das geht mir noch Alles zu langsam. — Ach, richtig, ich vergesse, daß ich hier nicht in meinem Hause bin, sondern unter jungen Eheleuten — kleinen Turteltäubchen, die mit einander genug zu thun haben, als daß sie noch an einen so alten Steinadler, wie Unsereins, ihre Zärtlichkeit verschwenden sollten.... Nun denn, guten Tag, mein lieber Alexander — guten Tag, theure Tochter Cölestine — und auch Du, Mama, sei herzlich gegrüßt. — — Doch, alle Donner! da hätte ich fast eine sehr wichtige Person vergessen —“ bemerkte der lustige Alte, sich gegen Edmund wendend, der ehrfurchtsvoll, wie er es gewohnt war, vor seinem Vater stand: „Verzeihen Sie mir, mein Herr!“ fuhr der General gegen ihn fort: „und entschuldigen Sie ein schlechtes Gedächtniß, das bekanntlich gerade die nächsten Dinge am leichtesten vergißt...“
Cölestine hing am Halse ihres Vaters und küßte ihn so lange, daß er selbst endlich ausrief: „Ich denke, meine Tochter, es wird nunmehr genug sein!“ Dann reichte er dem Grafen die Hand und ließ sich im Kreise der Gesellschaft nieder.
Nun mußte Cölestine ihm genau Bericht abstatten über ihren ganzen Haushalt — und Alles, Alles bis auf die letzte Kleinigkeit sagen; denn der greise Kavalier zeigte eine Neugierde, als sei er an die Stelle irgend einer alten Haushälterin getreten.