Das war ein schönes Mitglied frommer Stiftungen und edler Wohlthätigkeitsvereine.
Es war jetzt am obern Ende der Tafel die Rede von den Fremden, welche in letzterer Zeit die Residenz besucht hatten und Herr von Labers führte darunter auch den Namen eines Chevalier de Marsan an. — Sogleich erhob sich Edmund und lebhafte Freude malte sich in seinem Gesichte: „Wie?“ rief er, „der Chevalier de Marsan — jener Marsan, der, vor zwei Jahren bei der N**schen Gesandtschaft attachirt, mit seinem Chef Wien besuchte.... jener elegante, hübsche, glänzende Kavalier: ist dieser gemeint?“
„Derselbe!“ entgegnete Herr von Labers: „Man sagt, er werde dies Mal für längere Zeit in unserer Stadt verweilen. Seine Gegenwart hängt übrigens mit keiner politischen Mission zusammen....“
„So wird man wohl diesen Herrn,“ sagte Frau von Porgenau, die Gemahlin des berühmten Calembouristen — „zu sehen bekommen! Ist derselbe schon in vielen Häusern eingeführt?“
„So viel ich weiß, in mehreren — — doch scheint dieser stolze Chevalier nur die schwindelnden Höhen der Gesellschaft zu goutiren. Man erzählt sich, er habe neulich, als man ihn der Gräfin Holborlow vorstellen wollte, gefragt, ob diese Dame nicht zu jenen Holborlows gehörte, die erst vor beiläufig 150 Jahren in den Adelstand erhoben wurden — und erst, nachdem man ihn überzeugte, daß jene neugeschaffene Familie eigentlich Holbarolow heiße — während die ersten Holborlow’s bereits aus den ältesten Zeiten Moskowitischer Herrschaft abstammten, willigte er ein, mit der Gräfin bekannt zu werden.“
Von zahlreichen Stimmen erscholl jetzt das Lob des ausgezeichneten Kavaliers, dessen Grundsätze man als vom ersten Wasser erkannte.... und diese Personen, welche applaudirten, wünschten insgeheim alle mit dem Chevalier bekannt zu werden.
Einer Dame, die ihre diesfällige Sehnsucht dem Sohne des Hauses vortrug, antwortete Edmund: „Nichts in der Welt ist leichter.... wenigstens für mich ist nichts leichter, als den Ritter von Marsan dahin zu führen, wohin es mir gefällt. — In der That wir sind seit einer Reihe von Jahren die wärmsten Freunde. — Unsere Verbindung schreibt sich noch von meiner Reise nach Paris her, wo ich damals den Chevalier in der Umgebung des Hofes fand. Dort wie an jedem Horizonte war er ein Stern erster Größe — und ich gestehe es offen, auf keine Freundschaft stolzer zu sein, als auf die seinige.“
„In Wahrheit,“ rief Frau von Porgenau: „Sie machen uns neugierig und im höchsten Grade gespannt. — Herr von Marsan muß eine Art kleinen Wunders sein!“
„Sagen Sie lieber großen Wunders, beste Freundin!“ fiel die Stiftsdame ein: „Sieht er nicht etwa dem Antinous ähnlich — und ist er an Geist nicht ein Cicero — an Muth nicht ein Leonidas — und an Reichthum nicht ein Rothschild....? hehehe! Wirklich, er muß sehr außerordentlich sein....“ schloß das Fräulein mit einem Lächeln, welches halb bitter und halb unverschämt war. —
Edmund ergriff den besten Ausweg und gab ihr keine Antwort — er zuckte die Achsel und wandte ihr, so weit dies möglich war den Rücken. .... Darüber schien die liebenswürdige Menschenfreundin sehr ungehalten zu werden — und begann nun ihrer Zunge vollen Lauf zu lassen: „Ei, ei — wie Schade! daß unsere Residenz nicht auch solche illustre Exceptionen des Menschengeschlechtes aufzuweisen hat. — Wahrlich, wir sind in dieser Hinsicht noch sehr weit zurück; — und müssen, Dank Frankreich, von dort aus sowohl mit den Alleweltbezwingern, wie mit Seiltänzern und Harlekins versorgt werden....“