„Jussuf! Jussuf ist sein Name.“
Diese Urtheile und Reden erschollen rings herum. Mitunter ließ eine von den schönen Damen, die aus den Wagen den schönen Reiter durch ihre Lorgnetten betrachteten — einen leisen kokettirenden Angstruf hören.... oder die Herren zu Pferde suchten durch das gewöhnliche: „Prrr! — Ohe! Heh! Heh!“ den wilden Jussuf zu besänftigen helfen — was jedoch von dem fremden Reiter stets mit einer stolzen und unwilligen Bewegung erwiedert ward. — Dieser schien endlich in die höchste Wuth zu kommen — er riß den Zügel so heftig an sich und versetzte dem muthwilligen Thiere mit Sporn und umgekehrter Gerte einen so furchtbaren Schlag — daß Jussuf wie ein Mensch aufstand, sich auf die Hinterbeine setzte — und schon zu überschlagen in Gefahr war....
Ein tausendstimmiger Schrei der Zuschauer erfüllte die Luft....
Aber im Augenblick, wo die Gefahr am größten war, wo das Leben von Mensch und Thier nur mehr auf einer Nadelspitze stand — machte der Fremde, welcher kalt und lächelnd in den Steigbügeln stand — eines von jenen Maneuvres mit Zügel und Schenkel, die ein Geheimniß der Araberhäuptlinge und zwei bis drei Europäer sind — — und Jussuf, als sei er plötzlich in ein Hündchen verwandelt worden, ließ die Ohren fallen — senkte die Augen, welche zuvor höllische Funken gesprüht hatten — zog die dampfenden Nüstern zusammen — — jetzt mit einer Viertelkreiswendung drehte es sich auf den Hinterfüßen herum und ließ sich ruhig auf die Erde nieder, ohne ferner auch nur mit einer Muskel zu zucken.
Bei dieser Evolution, welche an die Mythen der Centauren erinnerte — lös’te sich ein zweiter allgemeiner Ruf aus der Mitte der Zuschauer; es war einer der Bewunderung und des Erstaunens.
Noch nie hatte man so etwas in Wien gesehen, wo es doch in der That an bedeutenden Reitern, deren Koryphäe der Graf S— ist, auch nicht fehlt.
In dem Augenblick, in welchem der außerordentliche Fremde sein Pferd herumgedreht hatte — erkannte Edmund in ihm den Chevalier von Marsan. Es bedurfte keinen zweiten Augenblick und der Jüngling hatte sich durch den dichten Kreis der Umstehenden hindurchgedrängt und stand neben seinem Freunde. Dieser erkannte ihn sogleich und ein lauter Willkomm erscholl von beiden Seiten. Zuerst bezeigte Edmund ihm seine Bewunderung über die glänzende That, deren Zeuge er so eben gewesen — der Chevalier jedoch bat lächelnd, nicht weiter von „dieser Kleinigkeit“ zu sprechen — wischte sich jedoch mittlerweile den dichten Schweiß von der Stirne, welchen diese Kleinigkeit darauf gesäet hatte. — Nach und nach zerstreuten sich wieder die Zuschauer, die meisten jedoch nicht eher, als bis sie sich dem Wundermanne noch einmal ganz dicht genähert hatten, um ihn auf ewige Zeiten ihrem bereitwilligen Gedächtnisse einzuprägen.... Nur noch einige Herren zu Pferde blieben neben Marsan, da sie zu seiner Gesellschaft gehörten. Es waren meist auch Bekannte des jungen Randow und sie störten daher nicht bei der Freude des Wiedersehens, welche sowohl dieser wie der Chevalier empfand.
Man setzte nun den Ritt nach dem Jägerhause fort, gefolgt nur noch von einigen Spießbürgern, die zu spät gekommen waren — den Wundermann jedoch noch, und sei es mit Aufopferung einiger Jahre ihres Lebens, sehen mußten; auch etliche Gassenjungen trabten beständig zur Seite einher. —
„Ach, mein theurer, theurer Marsan! — wie finde ich Sie verändert, seit wir uns das letzte Mal sahen! Es war vor 5 Jahren und Sie zählten damals 21. Jetzt hat das Mannesalter Alles an Ihnen vervollkommnet. Es sind zwar dieselben Züge, aber kräftiger und fester — es ist derselbe Wuchs, dieselbe Haltung, Alles, Alles — — nur in Allem viel gediegener, wie soll ich sagen? perfekter! —“ Es fehlte wenig und der gutmüthige Bursche, der in Liebe und Freundschaft eine Andacht besaß, die ihm im ganzen übrigen Leben so sehr fehlte, ja, deren Gegentheil ihn hier sogar charakterisirte — — es fehlte wenig und er wäre dem Franzosen sammt dessen Jussuf — vom Pferde aus um den Hals gefallen...