„Sehr richtig; dies beweis’t einen feinen Takt, lieber Edmund. — Uebrigens — wird vielleicht die Abgeschiedenheit der Gräfin A—x, Ihrer Schwester, nicht mehr lange dauern...“
„Ich vermuthe es selbst, nachdem ich weiß, daß sie sich heute im Prater gezeigt hat. — Ach, die theure Cölestine! Wie gerne hätte ich sie gesehen!“
Dieses Gespräch über Cölestine schien den Chevalier sehr anzuziehen und er suchte den Andern so lange als möglich dabei festzuhalten. Sie gelangten so in die Wohnung Marsan’s, welcher eine Etage auf dem Graben gemiethet hatte und sich hier mit fürstlichem Glanze umgab.
Eine reichgallonirte Dienerschaft empfing sie in der Einfahrt des Hauses und nachdem die Freunde vom Pferde gestiegen waren, schritten sie hinauf in eine der prachtvollsten Belletagen, welche Edmund jemals gesehen.
Neuntes Kapitel.
Die Thorheiten der Welt und die Leidenschaften des Herzens.
Edmund war in der That über die neuesten Verhältnisse im Hause seiner Schwester nicht unterrichtet. Heute Morgen hatte Cölestine mit ihrem Manne zum ersten Male sich in mehreren Häusern gezeigt. Dies Geschäft war nicht länger aufzuschieben. Das arme Ehepaar konnte den tausendfachen Machinationen, womit man in der vornehmen Welt ein Haus einzusprengen versteht, nicht ferner widerstehen. Sie seufzten, sie zürnten — aber sie mußten endlich nachgeben.
Nirgends ist man ein größerer Sklave als in den Cirkeln, welche sich die guten nennen. Nicht in dem äußern Zwange, dem man sich unterwerfen muß, liegt das Wesen der Sklaverei; nein — sondern daß man hier unsere Seele, unser Herz, unsere heiligsten Empfindungen zu knechten versteht, das ist es, welches einen Salon mit dem untern Schiffsraum afrikanischer Küstenfahrer in eine Parallele stellt. Und bei Gott, sie fällt zum Vortheil der letzteren aus. Was liegt mir daran, ob man jenes Theil an mir, welches jeden Augenblick durch einen herabfallenden Dachstein — durch einen Trunk kalten Wassers, durch einen verfehlten Tritt vernichtet werden kann, mißhandelt, mordet. Hab’ ich es doch nie besessen, da ich es keine Stunde sicher besaß. Aber jenes göttliche Theil in mir, welches unvergänglich und unvernichtbar ist.... jenes Theil, über das selbst Tod und Natur nichts vermag, zu knechten, zu quälen, zu peinigen, es an seiner erhabenen Entwicklung und in seinem geheiligten Streben zu hemmen — — diese Wunde schmerzt gewaltiger, ja, sie allein kann schmerzen — und nie werden wir sie ganz verschmerzen.
Von dieser trüben Betrachtung war auch unser junges Ehepaar durchdrungen.... es war dies der Tropfen Wermuth, der sich stets in ihren vollen Freudenkelch mischte... Ach, ein Tropfen ist hinreichend, das ganze Leben zu vergiften!