Doch wer zum Schmerz geboren ist, entgeht demselben nicht; und unsere vornehmen Stände wissen in der That mehr von diesem Kapitel zu erzählen, als jene glücklichen, beschränkten armen Leute, deren Schicksal wir thörichter Weise beklagen. — Ach, geht doch hin in einen Salon und hebt diese glänzenden Decken, diesen goldnen Zierrath weg, welche Euch so sehr die Augen blenden: wie viel Elend und Jammer werdet ihr unter denselben finden. Ich weiß, daß ich hier eine alte Geschichte erzähle — — ich habe sie jedoch selbst erlebt und besitze das Recht, sie zu wiederholen.
Und so mußten sich denn Cölestine und Alexander aus ihrer wärmsten, seligsten Umarmung reißen — mußten die süße Einsamkeit, diese Zeugin ihres jugendlichen Liebesglückes, verlassen, um den Ansprüchen einer erbarmungslosen Welt Genüge zu thun. Dahin waren jetzt die holden Stunden, welche Morgens beim Erwachen anfingen, um erst tief um Mitternacht zu enden! So ungetrübt und schrankenlos beglückend sollten sie nie mehr wiederkehren. Dahin waren die Tage voll Sonnenschein — und die Nächte voll Sternenpracht! — dahin die stillen Gemächer, verhüllt mit dichten Vorhängen und mit eifersüchtigen Schlössern verriegelt!... dahin der Garten mit den treuen Boskets und der unzugänglichen Grotte!.. Alles, Alles, ihre ganze Welt dahin, verschwunden, versunken wie ein fabelhaftes Land!... Von nun an gab es für sie nur eine laute, lebende, wilde, kalte, unverschämt zudringliche Welt: Salons mit offenen Thüren — Boudoirs mit durchsichtigen Gazevorhängen — Equipagen — Praterfahrten — Theaterabende — Bälle — Zorn — Aerger — Verläumdungen — Mißmuth — Verzweiflung oder — Verderbniß. —
Dies Alles sah ihre ahnende Seele voraus und darum schien ihr der Abschied aus der Einsamkeit ein Abschied vom Leben:
„Wie glücklich waren wir, mein Alexander!“ sagte das liebende Weib zärtlich, als er ihr mit schwerem Herzen verkündigte, daß Jenes geschehen müsse, was er selbst am schwersten fürchte.
„O!“ rief er aus, seiner erlogenen Fassung nicht Meister bleiben könnend: „wir werden nimmer so selig sein! Cölestine, das Glück, was wir besaßen — kehrt nicht mehr so hold zurück! Dies ist ein Gedanke, der ein Menschenherz zerreißen könnte....“
„Lass’ uns nicht verzagen!“ entgegnete sie sanft und legte ihren weichen Arm um seinen Nacken: „Warum sollen unsere süßen Stunden nicht ganz so wiederkehren? — Wir sind nicht für immerdar von einander geschieden. Trennt uns auch der Tag; der Abend, die Nacht führt uns ja wieder zusammen.... und dann unsere Seelen wissen nichts von jenem Zwang, sie werden stets beisammen sein!“
So beruhigte sie ihn mit Worten, welche aus treuem, liebendem Herzen kamen — und er, er glaubte ihr so gerne. Wenn man liebt, wenn man anbetet — dann glaubt man auch. Und es sind gerade die skeptischen, die mißtrauischen Naturen — welche im Augenblick der Leidenschaft und Liebe sich zur innigsten Ueberzeugung hinreißen lassen....
Ist aber dieser Augenblick vorbei.... wird Liebe oder Leidenschaft auch nur durch den leisesten Windhauch verletzt: dann erwacht der Zweifel in diesen Herzen, und mit riesiger Gewalt reißt er sie zum Wahnsinn hin.