Und nun wurden die Augen mit jener unverschämten Neugier, die bis in den letzten Winkel dringt, in diesen Sälen umhergeworfen — — da gab es denn wieder Stoff zu Abhandlungen in bekannter Weise.
Als man an dem Geschmack Cölestinens und ihres Gemahls nichts auszusetzen fand, kritisirte man die Pracht, und fragte sich mit allerliebster Albernheit: „Ist das wirklich Alles persisch, indisch und antik — was man uns da als solches gezeigt hat? Nicht, daß wir den ernsten Grafen A—x für fähig hielten, uns damit einen kleinen Schelmenstreich zu spielen.... sondern es ist möglich, daß man ihm einen solchen gespielt hat. O, man versteht es jetzt vortrefflich, etrurische Vasen, pompejanische Candelabers und indische Draperien zu erzeugen, d. h. in Europa. O, man hat Beispiele! —“
Glaube man ja nicht, daß das Verläumden aus unseren neueren Salons ausgewiesen sei und von schlechtem Geschmack zeige — wie Herr Eugen Sue uns versichern will. Es ist möglich und ich selbst kann mich dessen erinnern, daß man diesen Satz überall öffentlich ausspricht — — aber man thut es nur, um ihn insgeheim um so weniger zu befolgen. — Wir sind in dieser Hinsicht, wie in noch so mancher andern, beim Alten geblieben.
Unsere Freunde: der Graf und die Gräfin von Wollheim, Herr und Frau von Porgenau, Fräulein von Bomben, die Stiftsdame — erschienen unter den ersten Gästen.
Der Graf von Wollheim hatte vorzüglich deßhalb seinen Besuch so beeilt, weil er seit längerer Zeit seinen Busenfreund Edmund nicht mehr zu Gesichte bekommen, ihn in dessen Wohnung vergeblich gesucht und ganz sicher bei Cölestine zu finden gehofft hatte. — Leider sah er sich in seinen Erwartungen getäuscht und dies tobte fürchterlich in seinem Innern. Sein Durst war nicht allein daran schuld, obgleich, nach seiner eigenen Behauptung, er diesen Durst nur in Compagnie mit seinem jungen Freunde und Schüler gehörig zu löschen verstand; in der That zog ihn wirklich das Herz — zu dem Letzteren hin, den er nun schon seit so lange nicht fand. Im höchsten Grade wüthend, zog er sich in ausfallender Weise von der Gesellschaft zurück, ließ seine Frau sitzen — und begab sich allein aus dem Hause fort in ein Nebengebäude, wo, wie er wußte, die Jäger und Forstbedienten des Grafen haus’ten. Er setzte sich mitten unter sie — ließ Wein holen und fraternisirte mit ihnen, so, als befände er sich unter Brüdern. Natürlich, daß er nicht unterließ, sich zu betrinken, — in diesem Zustande nun ergriff er eine Flinte, hing Pulverhorn und Schrotbeutel um seine Schulter — trat in’s Wirthschaftsgebäude und schoß hier Sperlinge, Schwalben, Tauben, Hühner und Fasanen zusammen....
Man mußte dem Jagdingrimm unseres Nimrod mit Gewalt Einhalt thun.
Während dieser Zeit producirten die übrigen Originale ihre Künste eben im Salon der Gräfin Cölestine. Frau von Porgenau lachte sich die Kolik in den Leib über den fulminanten Humor ihres Gemahls, des sehr ehrenwerthen Herrn von Porgenau. Gräfin Wollheim erzählte einige rührende Strickstrumpfgeschichten und brachte alle Augenblicke den Frauen-Hülfsverein zur Sprache, über den das Stiftsfräulein toller als je loszog:
„Nicht nur meine Erfindung: die Composition aus Pech, Theer und Teufelsd—, nicht nur meine Fußangeln und Daumenschrauben, haben sie zurückgewiesen —“ sagte sie; „stellen Sie sich vor — — mich, mich selbst, das Stiftsfräulein von Bomben, mich selbst und meine Person wollten sie für die Zukunft zurückweisen, mich aus der Liste der Vereinsmitglieder streichen, mir Sitz und Stimme nehmen... Ist das erhört? — — Nein, bei Nero! so wurde noch Niemand für seine philanthropischen Bestrebungen belohnt!.. So in den Koth getreten wurde Tugend, Menschenfreundlichkeit und Erfindungsgeist noch nie — seit die Welt steht, seit es Fußangeln und warme Unterröcke gibt.... Aber,“ fuhr die Biederfrau, glühend vor edler Entrüstung auf: „aber dies sollen sie mir auch büßen, jene liebenswürdigen Damen vom Comité! Sie sollen es büßen! — So wahr Dionysos sein Ohr gebaut — so wahr Heliogabalus seine Stühle[C] erfunden hat! Ich, ich sage das; ich schwöre es und bin Mann genug, meinen Schwur zu halten.“
Man ließ diese verfolgte Tugend ausreden, sodann aber schnitt man ihr das Gespräch für die ganze übrige Zeit dadurch ab, daß man Musik machte und Gesänge vortrug.
Mit einem Male öffnete der Bediente die Thür und meldete die Namen Edmunds und des Chevalier de Marsan. —