„Ich hatte auch nicht die entfernteste Absicht, hier ihn zu meinen; dies schwöre ich.“

Das waren Worte eines Thoren, die jedoch im Leben sehr oft in Erfüllung zu gehen pflegen; denn das Leben ist ein großer Freund jener Ironie, die uns oft Thränen, nicht selten das Leben selbst kostet. —

Trotzdem, daß die Gesellschaft schon wider Vermuthen zahlreich geworden war, vermehrte sich dieselbe noch mehr durch immer neu hinzukommende Individuen, worunter mehrere zum ersten Male der Gräfin vorgestellt wurden. — Das ist bei Eröffnung eines Hauses nicht ganz in der Ordnung, indeß, was läßt sich dagegen thun? — Da stiegen denn Physiognomien im Salon umher, wie sie Cölestine gewiß nicht freiwillig um sich versammelt hätte, — Physiognomien, die für den Griffel eines Granville oder Phiz von unbezahlbarem Werthe gewesen wären...

Unter diese Physiognomien und Subjekte hatte sich auch Eines hereingeschlichen, welches, gleich nachdem es eingetreten war, sich rasch hinter einer Versammlung verlor — an der Wand hinhuschte, immer das dichteste Gedränge, ja selbst Möbeln wählend, um sich dahinter zu verstecken... Dieser Mensch trug einen dichten und dunklen Backenbart, der ihm das halbe Gesicht bedeckte — und der, wiewohl das schwer zu erkennen war, ein falscher schien; ferner hatte er Brillen vor den Augen und eine dunkle Tour auf dem Kopfe; auch sein Anzug war nicht sein gewöhnlicher; kurz dieser Mensch schien um eines besondern Zweckes willen sich maskirt und in diese Gesellschaft eingeschlichen zu haben.

Wie er so hinstrich, lauerte und hastig umher blickte, hätte man ihn für den bösen Geist nehmen können, der unsichtbar die Gesellschaft umschwebte.

Allem Anscheine nach war es ein noch junger Mensch.

Jetzt hatte sein Falkenblick die Person Cölestinens erspähet und hing an ihr fest wie an einer langgesuchten Beute... von diesem Augenblick verließ er sie nicht; er beobachtete jedes Zucken ihrer Augenbrauen, jedes Mienenspiel ihres Gesichtes. — Immer durchdringender ward sein Blick — immer finsterer und wilder. — Endlich schien eine Art schadenfrohen Lächelns um seinen Mund zu spielen, er murmelte vor sich hin:

„So ist es schon recht. Sie sitzt allein, umgeben von fremden Menschen, die sie jedoch alle weit mehr zu interessiren scheinen, als ihr eigner Gatte. — Der Thor! Warum ging er in die Schlinge! — Hätte er nicht wissen können, — daß sie seine, wie jede andere Liebe mit — Verrath vergelten wird?“ Und seine Augen, die vorhin starr nach ihr allein geblickt hatten, bewegten sich nun, rasch wie der Blitz, im ganzen Saale umher... Er lachte bitter — drückte sich fester hinter einen Fenstervorhang, der ihn den Blicken völlig entzog und sah von hier aus mit teuflischem Grinsen dem Treiben der Gesellschaft zu, jedoch nicht ohne von Zeit zu Zeit Cölestine wieder ins Auge zu fassen, die für ihn stets der Mittelpunkt, ja, der einzige Punkt in dieser kleinen Welt zu sein schien....

Doch sie sollte es nicht lange bleiben. Mitten in seinem dumpfen Hinstarren zuckte er jetzt plötzlich, als wäre ein Pfeil vor ihm niedergefahren, zusammen: — — sein Blick hatte den Chevalier von Marsan erspähet.

Dies hatte nun an sich freilich nicht viel Bedeutendes; die einfache Person des Chevaliers konnte unsern Geheimnißvollen nicht mehr wie jede andere von den tausend Millionen Personen, welche diesen unsern Globus bevölkern, interessiren. Die Person also war es nicht, und zudem kannte er den Chevalier nicht einmal....